Monthly Archives: January 2010

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Gestern in Highdlbörg…

… hatte ich einen Termin. Also stieg ich am Bahnhof in ein Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse. Sofort legte sich sein Gesicht in tiefe Falten des Nachdenkens, und er murmelte gebetsartig, aber in Frage-Intonation, unablässig den Namen der Straße vor sich hin. Als er dann begann, mit dem Finger wild auf sein Navigationsgerät einzustechen und sich zum dritten Mal nach der richtigen Schreibweise des Straßennamens erkundigte, erbarmte ich mich seiner und erklärte ihm, wo ungefähr er die Straße finden könne; ich wußte das, weil ich schon einmal hier gewesen war, im Sommer und ohne die Dienste des Heidelberger Taxigewerbes in Anspruch zu nehmen. Unsicher wie ein Tourist vom Land, der sich zum ersten Mal in die große Stadt wagt, fuhr mein Fahrer in die gewiesene Richtung. Dann realisierte er plötzlich, wo sich die gesuchte Straße befand – und begann in bitteren Worten zu jammern: Dass er eine Stunde gewartet habe, und nun diese winzig kurze Strecke! Ich reagierte ein wenig unfreundlich auf diese Tirade und beruhigte mein schlechtes Gewissen dann mit einem zu hohen und völlig unverdienten Trinkgeld.

Ähnliches passiert mir öfter – nicht nur in Heidelberg. In Düsseldorf hat sich neulich ein Taxifahrer großräumig verfahren, und ich kam 20 Minuten zu spät zu meinem Termin. Als ich mich bei meiner Gesprächspartnerin mit den Worten entschuldigte, der Taxifahrer habe sich verfahren, sah ich ihrem Gesicht an, dass ich mir ihrer Meinung nach kaum eine dümmere Ausrede hätte einfallen lassen können (aus dem gemeinsamen Geschäft wurde dann auch nichts). Und in Rosenheim, einer Kleinstadt, die er gerade mal auf ein paar Dutzend Straßen bringt, musste ich einer Taxifahrerin den Weg zum Krankenhaus erklären. Vielleicht sollte man, statt immer nur die armen Kinder zu zwiebeln, einmal einen Pisatest bei Taxifahrern durchführen – hier scheint doch ein Bildungsnotstand zu herrschen, der uns alle Tag für Tag aufs neue betrifft!

Gier (Xenie)

Sie geißeln die Gier mit zwei Filmen von Wedel im Fernsehen,

getrieben allein von der Gier nach den Quoten sie selbst!

Die Tür ins Leere

Ein Paar geht am Seeufer spazieren. Vor ihnen baut union_investmentsich eine geschlossene Tür auf. Als Betrachter des Bildes sehen wir, was das Paar vermutlich noch nicht weiß: Dass hinter der Tür nichts anderes ist als vor ihr; die Tür ist als reines Hindernis in die Landschaft gestellt. Dabei verspricht der Text unter dem Bild: “Treten Sie ein und kommen Sie Ihren Wünschen ein Stück näher. Mit Fonds von Union Investment.” Wie das Bild zeigt, kann dieses Versprechen nur dann funktionieren, wenn der einzige Wunsch, den man hat, der ist, dass alles so bleibt, wie es ist. Denn eigentlich sagt Union Investment: “Wenn du durch diese Tür gehst, passiert – nichts!” Ist diese Anzeige Ausdruck einer neuen Bescheidenheit? Ist das Unternehmen zum Zen-Meister unter den Fondsmanagern geworden, der den Weg zur reinen Leere zeigt? Oder hat Union Investment aus der Finanzkrise die Lehre gezogen, dass Rendite-Versprechen realistisch zu halten sind? Und was könnte heute realistischer sein, als Nichts zu versprechen?

Was wollen die erzählen? Alarm!

Spätestens seit die Schweinegrippe-Pandemie erst groß angekündigt wurde und dann ausgeblieb, schlagen die Medien Alarm: Grassierenden Alarmismus entdecken sie – in den Medien. Und sie haben recht, nicht wahr? Kaum sinken die Temperaturen unter fünf Grad minus veranstaltet der ARD um 20.15 Uhr einen Brennpunkt, in dem zehn oder 15 Minuten lang mit großem semiotischen Aufwand (“sibirische Kälte”) nichts gesagt wird, als dass es kalt ist. In anderen Fällen: Dass man auch noch nicht mehr weiß, als vorher in der Tageschau vermeldet. Fast freut man sich schon, wenn es mal eine echte Katastrophe gibt, über die gebrennpunktet wird. Aber auch die Printmedien beteiligen sich wacker: All die gefährlichen Seuchen – Rinderwahn, Schweinepest, Vogelgrippe, Schweinegrippe – die unsere Breiten in den letzten Jahren heimgesucht haben! Unsere Jugend, die in Gewalt und Stumpfsinn verstrickt ist! Umwelt- und sonstige Katastrophen, die uns die Luft zum Atmen nehmen! Armut, die überhand nimmt! Ganz zu schweigen von Krisen des Sinns, des Glaubens, des Bürgersinns, von denen wir immer wieder gebeutelt werden. Wenn spätere Archäologen einmal ein Medienarchiv des beginnenden 21. Jahrhunderts ausgraben und in ihrer Naivität glauben, es handle sich dabei um Texte und Bilder, die die Realität abbilden: Sie müssten glauben, wir lebten in der schlechtesten aller möglichen Welten.

Aber ist nicht der Alarm über den Alarmismus der Medien selbst so naiv wie die Annahmen der hypothetischen künftigen Archäologen? Ist es nicht eigentlich Geschäft und Bestimmung der Medien, Aufmerksamkeit zu erregen? Und wodurch ist dies besser, effizienter und nachhaltiger zu erreichen als durch Katastrophen- und Alarmmeldungen? Vielleicht glauben wir nur fälschlich, es sei (unter anderem) Aufgabe der Medien, Realität abzubilden. Vielleicht haben sie ja einfach nur die Funktion der Gruselgeschichten übernommen, die man sich an den vielbeschworenen langen Winterabenden am Kamin erzählte: Ein wohliges kollektives Schaudern darüber hervorzurufen, was einem in Wirklichkeit alles erspart bleibt.