Monthly Archives: March 2010

You are browsing the site archives by month.

Mythen der Macher (1): Leistungsträger

Leistung muss sich wieder lohnen, hört man zur Zeit landauf, landab, und es ist auch viel von “Leistungsträgern” die Rede. Wenn sich etwas lohnt, ist in unserer Kultur meist gemeint, dass es sich finanziell auszahlt; Leistung muss also, soll sie sich lohnen, mit Geld entlohnt werden. Das Sprechen von “Leistungsträgern” zeigt, dass Leistung so etwas ähnliche wie ein Kleidungsstück oder ein Gepäckstück ist; beides kann man tragen. Leistungsträger ziehen also entweder Leistung an, oder schleppen sie mit sich herum. Vermutlich existieren auch zwei Kategorien von Leistungsträgern: solche, die sich mit Leistung schön kleiden, und solche, die sich damit abschleppen. Zumindest zu letzterem ist Energie nötig, und die Physik definiert Leistung ja als den Quotienten aus aufgewendeter Energie und der dafür verbrauchten Zeit. Anders gesagt: Leistung ist energischer Zeitverbrauch. Dies korrespondiert mit der Selbsteinschätzung von Leistungsträgeren: Wertet man ihre Äußerungen in Interviews, Artikeln etc. aus, stellt man fest, dass sie besonders stolz auf ihre 16-Stunden Tage sind. Sehr viel Zeitverbrauch also. Damit man diesen nicht einfach nur als “Trödeln” oder “Langsamkeit” bezeichnet, wie es häufig als für Nicht-Leistungsträger typisch beschrieben wird, ist nach der Definition nötig, dass der hohe Zeitverbrauch bei Leistungsträgern auch mit hoher Energie zu geschehen hat

Halten wir fest: Der Leistungsträger ist also jemand, der

  1. seine Leistung mit sich herumschleppt oder sich mit ihr schmückt, oder beides,
  2. viel Zeit mit höchster Energie verbraucht, und
  3. für diesen energischen Zeitverbrauch (meist gut) finanziell entlohnt wird.

Resultate oder Ergebnisse des energischen Zeiverbrauchs spielen dagegen für die Definition des Leistungsträgers offenbar keine Rolle; auch diejenigen, deren Zeitverbrauch negative Auswirkungen zeitigt, wie zum Beispiel Banken- und Firmenpleiten oder Finanzkrisen, verlieren dadurch nicht das Prädikat des Leistungsträgers, wie die nach wie vor sehr gute finanzielle Entlohnung beweist.

Die Kunst, nicht zu lehren

Eine Meldung heute in der SZ: Funktioneller Analphabetismus ist immer noch weit verbreitet. Was ich mich dabei frage: Wie schafft es eigentlich die Schule, Menschen acht oder neun Jahre bei sich zu beherbergen und ihnen nicht einmal das Grundlegende beizubringen? Seit Jahrzehnten werden immer die gleichen Gründe angeführt, ohne dass sich etwas ändert: Zu große Klassen, zu viel Druck, zu volle Lehrpläne. Lassen wir einmal die großen Klassen beiseite, dahinter steckt auch ein finanzielles Problem. Aber  die Lehrpläne könnte man – ohne Mehrkosten –, sagen wir einmal, um zwei Drittel abspecken, dann stünden die Lehrer nicht mehr unter Druck und könnten auch sogenannten schwächeren Schülern mehr Zeit widmen. Warum geschieht das nicht? Vermutlich, weil hinter den vollen Lehrplänen ein antiquierter Wissensbegriff steckt, der reine Quantität an Wissen für wertvoll hält, und der in einer Informationsgesellschaft komplet unbrauchbar geworden ist und nur noch im Fernsehquiz zum Erfolg führt. “Wer wird Millionär” führt diesen Wissensbegriff ja vor: Wer möglichst viel weiß, gilt hier als Genie. Da die weltweit verfügbaren Wissensmengen exponentiell wachsen, läuft die Schule wie der Hase dem Igel einem nicht erreichbaren Ziel hinterher: Es wird ihr nie mehr gelingen, “genug” Wissen zu vermitteln. Und der Versuch, trotzdem immer mehr an Wissen in die Lehrpläne zu stopfen, führt paradoxerweise zur Verdummung der Schüler: Hilflos schwimmen sie in einem Ozean nicht zusammenhängender Wissensbrocken und lernen vor allem eines – nämlich nichts zu lernen.

Natürlich sollte die Schule Faktenwissen vermitteln; genügen würde etwa ein Drittel von dem, was sich ein heutiger Schüler bis zum Abitur einverleiben muss. Die freiwerdende Zeit könnte dann dafür genutzt werden, die Kompetenzen zu schulen, ohne die ein Überleben in einer Wissensgesellschaft nicht mehr möglich ist: Logisches und kreatives Denken, Wissen und Fakten finden, gewichten und ordnen. Aber solange die Kultusministerien letzteres selbst nicht können, ist die Chance, das im Schulunterricht verwirklicht zu sehen, wohl äußerst gering.

Ozymandias

Heute ein Beitrag unseres Gastautors Percy Bysshe Shelley:

I met a traveller from an antique land,
Who said: “Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert… Near them, on the sand,
Half sunk, a shatterd visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them, and the heart that fed;
And on the pedestal these words appear:
‘My name is Ozymandias, king of kings;
Look on my works, ye Mighty, and despair!’
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare,
The lone and level sands strech far away.”

Was ist Humor, und was ist ein KZ?

Wie diese Woche durch die bayerische Presse ging, gab es einen Skandal um eine Passage der traditionellen kabarettistischen Bußpredigt beim Starkbieranstich am Münchner Nockherberg. Der Prediger Michael Lerchenberg hatte über Guido Westerwelle gesagt: “Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumherum ein großer Stacheldraht – hamma scho moi g’habt. Dann gibt’s a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Lettern: ‘Leistung muss sich wieder lohnen'” (zitiert nach SZ vom 6./7.3.2010).

Als erste protestierte reflexhaft Charlotte Knobloch, dann die anderen secundum ordinem. Zwei Reaktionen seien herausgegriffen, da sie zu tieferen Fragen aufrufen. Christine Haderthauer, bayrische Sozialministerin und wegen ihrer großen Klappe von Lerchenberg als “Daisy Duck” bezeichnet, kündigte an, den Nockherberg zu boykottieren, wenn die Fastenpredigt nicht zu ihrer ursprünglichen “humorvollen Form” zurückfände. Die Frage ist: Was ist hier mit “Humor” gemeint? Billiges Lachen über wohlfeile Scherze, wie man sie aus den Comedy-Sendungen im Privatfernsehen kennt? Dann sollte man unbedingt Mario Barth zum nächsten Fastenprediger machen. Oder darf Humor auch mal ein wenig weh tun, darf einem auch einmal das Lachen im Hals stecken bleiben – wenn nur der Witz ein Körnchen Wahrheit ausdrückt? Und ist nicht die Tatsache, dass Pauschalurteile über ganze Bevölkerungsgruppen, wie Westerwelle eines über die Hartz-IV-Empfänger gefällt hat, letztlich einem strukturellen Argumentationstypus angehören, der die Juden einst ins KZ gebracht hat, ein solches Körnchen Wahrheit?

Der Text der Fastenpredigt war sowohl der veranstaltenden Paulaner-Brauerei als auch dem BR zuvor vorgelegt worden; allerdings änderte Lerchenberg zwei Stellen in der Lifefassung: Anstatt dem Wort “Zaun” in der Schriftfassung sagte er beim Auftritt “Stacheldraht”, und das “hamma scho moi g’habt” fügte er spontan ein. Die Schriftfassung wurde von niemandem beanstandet. Ein Sprecher der Paulaner-Brauerei behauptete nun, die KZ-Anlaogie habe sich erst in der vorgetragenen Version erschlossen, nicht in der Schriftfassung. Bedeutet das, dass bei der Beschreibung eines straflagerähnlichen Gebildes, über dessen Eingang ein Sinnspruch in eisernen Lettern steht und das bewacht wird von Braun-, verzeihung, Gelbhemden, niemandem eine KZ-Analogie in den Sinn habe kommen können? Das ist wirklich lustig, und vielleicht ist es ja so, dass der wahre Humor vor und nicht auf der Bühne stattfindet. Dann wäre es doch sicher eine gute Idee, unsere Leistungsträger (zu denen wir aus Freundlichkeit ruhig auch mal die Politiker rechnen), auf dem Nockherberg sich selbst derblecken zu lassen – sie machen das ja ohnehin mit viel unfreiwilligem Humor das ganz Jahr über recht gut!

Wie man die Seiten einer Zeitung füllt

Im Folgenden wird ein idealtypisches Vorgehen beschrieben, das natürlich auf andere Themen und Medien leicht übertragbar ist:

  1. Man lobe das Buch einer jungen Autorin über den grünen Klee; Stichworte: Wunderkind, Genie, Drogen, exzessives Leben, Normverstöße, Authentizität, Stimme ihrer Generation. (1/4 Seite)
  2. Man lasse diesem Lob in den nächsten Tagen Porträts der Autorin bzw. Reportagen über ihr Leben in Berlin folgen. (1/2 bis 1 Seite)
  3. Sollte sich dann glücklicherweise herausstellen, dass einige Passagen dieses Buchs aus einem anderen abgeschrieben sind, erhebe man ein großes Geschrei über Plagiat und geistigen Diebstahl; aus Gründen der Selbstachtung lässt man diese Artikel einen anderen Journalisten schreiben, nicht den Verfasser der ursprünglichen Jubelkritik. (1/4 Seite)
  4. Hat man dann das Glück, dass die Autorin selbstbewusst auf den Plagiatsvorwurf mit Verweis auf Techniken wie Remix, Sampling, Objet trouvé etc. reagiert, schlägt die große Stunde der Experten aus Popmusik, Kunst und Literatur, die diese Begriffe erklären dürfen; außerdem werden auch noch historische Fälle der Verwendung von Quellen ans Licht gezerrt: Hat nicht schon Büchner seinen “Lenz” aus den Notizen des Pfarres Oberlin geschöpft? (1/2 bis 2 Seiten)
  5. Parallel dazu kann man auch noch den Autor, von dem die Autorin abgeschrieben hat, interviewen, wie er denn das ganze finde. (1/2 Seite)
  6. Und wenn man Glück hat, gewinnt in zwei Wochen die Autorin den Preis der Leipziger Buchmesse, und alles kann noch einmal aufgewärmt werden.