Die Kunst, nicht zu lehren

Eine Meldung heute in der SZ: Funktioneller Analphabetismus ist immer noch weit verbreitet. Was ich mich dabei frage: Wie schafft es eigentlich die Schule, Menschen acht oder neun Jahre bei sich zu beherbergen und ihnen nicht einmal das Grundlegende beizubringen? Seit Jahrzehnten werden immer die gleichen Gründe angeführt, ohne dass sich etwas ändert: Zu große Klassen, zu viel Druck, zu volle Lehrpläne. Lassen wir einmal die großen Klassen beiseite, dahinter steckt auch ein finanzielles Problem. Aber  die Lehrpläne könnte man – ohne Mehrkosten –, sagen wir einmal, um zwei Drittel abspecken, dann stünden die Lehrer nicht mehr unter Druck und könnten auch sogenannten schwächeren Schülern mehr Zeit widmen. Warum geschieht das nicht? Vermutlich, weil hinter den vollen Lehrplänen ein antiquierter Wissensbegriff steckt, der reine Quantität an Wissen für wertvoll hält, und der in einer Informationsgesellschaft komplet unbrauchbar geworden ist und nur noch im Fernsehquiz zum Erfolg führt. “Wer wird Millionär” führt diesen Wissensbegriff ja vor: Wer möglichst viel weiß, gilt hier als Genie. Da die weltweit verfügbaren Wissensmengen exponentiell wachsen, läuft die Schule wie der Hase dem Igel einem nicht erreichbaren Ziel hinterher: Es wird ihr nie mehr gelingen, “genug” Wissen zu vermitteln. Und der Versuch, trotzdem immer mehr an Wissen in die Lehrpläne zu stopfen, führt paradoxerweise zur Verdummung der Schüler: Hilflos schwimmen sie in einem Ozean nicht zusammenhängender Wissensbrocken und lernen vor allem eines – nämlich nichts zu lernen.

Natürlich sollte die Schule Faktenwissen vermitteln; genügen würde etwa ein Drittel von dem, was sich ein heutiger Schüler bis zum Abitur einverleiben muss. Die freiwerdende Zeit könnte dann dafür genutzt werden, die Kompetenzen zu schulen, ohne die ein Überleben in einer Wissensgesellschaft nicht mehr möglich ist: Logisches und kreatives Denken, Wissen und Fakten finden, gewichten und ordnen. Aber solange die Kultusministerien letzteres selbst nicht können, ist die Chance, das im Schulunterricht verwirklicht zu sehen, wohl äußerst gering.

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