Monthly Archives: January 2011

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Medien-Stammtisch

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe in einem immerhin zweispaltigen Artikel, dass sich Niki Lauda über den Auftritt eines homosexuellen Paares in einem Fernseh-Tanzwettbewerb erbost habe. Er habe nichts gegen Schwule, aber der Auftritt von Schwulen im Fernsehen widerspreche “guten Traditionen in unserer Kultur”, so kurz zusammengefasst die Meinung des ehemaligen Rennmeisters und Bruchpiloten. Eine Meinung, die er, so ist zu befürchten, mit vielen anderen oberhaiderischen oder hinterwäldlerischen Landsleuten teilt. Die Frage ist nur: Warum berichtet die Süddeutsche darüber? An der Qualität der geäußerten Meinung kann es nicht liegen – sonst müsste das Blatt ja seine Seiten tagtäglich mit den Geisteserzeugnissen nationaler und internationaler Stammtische füllen. Woran sonst? Daran, dass der Inhaber dieser Meinung ein “Promi” ist, ein “Star”, der berühmt wurde, weil er sehr gut im Kreis herum Auto fahren kann? Heißt das Motto: Ich bin ein Star, berichtet über mich – egal ob ich Kakerlaken fresse oder Unsinn verzapfe? Die Zeitung hätte dann in erster Linie die Rolle eines medialen Promi-Stammtisches. Eine Rolle, die einige Medien ja bereits vollständig übernommen haben – und andere anscheinend sich gerade  anschicken, zu übernehemen.

Christliche Leitkultur?

Schon seit längerer Zeit, spätenstens aber seit der Rede von Bundespräsident Christian Wulf im letzten Oktober, wird nicht nur von Konservativen häufig die “christlich geprägte Leitkultur”  beschworen, von der Deutschland, ja ganz Europa geprägt sei und an die sich Migranten und andere Fremdlinge anzupassen haben. Nun ist es unbestritten, dass das Christentum und christliche Realitäts- und Wertvorstellungen über viele Jahrhunderte Europa geprägt haben. Doch wir hatten in Europa auch die Aufklärung, in der man sich – zumindest ideengeschichtlich – von der Vorstellung “ein Volk, ein Glaube” verabschiedet und dafür Ideen wie die von der Religionsfreiheit und dem säkularen Staat entwickelt hat – auch wenn letztere in Deutschland und anderen Staaten nie wirklich umgesetzt wurde. Und wenn es etwas genuin europäisches gibt, dann sind es eben die Ideen der Aufklärung, die auch Toleranz gegen Andersdenkende und eine Haltung des “Weltbürgertums” einschließen. Zu einer Religion kann man sich schnell mal bekehren, aber Aufklärung ist harte Arbeit: Den anderen denken lassen, was er will, ihn nach seiner Facon selig werden lassen, solange er niemanden damit belästigt. Anstatt also von “christlicher Leitkultur” zu faseln, sollten wir lieber die Werte der Aufklärung hochhalten und endlich ernst machen mit einer säkularen Gesellschaft, in der Religion reine Privatsache wäre. Ein erster Schritt dahin wäre es zum Beispiel, den Religionsunterricht an Schulen durch ein Fach “Philosophie- und Religionsgeschichte” zu ersetzen, in dem der Nachwuchs neutral kennenlernen kann, was man bei den Christen, Moslems, Buddhisten so alles glaubt, aber auch was Platon, Spinoza, Kant oder Wittegenstein zum Wissen der Welt beigetragen haben. Neben den katholischen und evangelischen Religionslehrern auch noch islamische auf die Kinder loszulassen, wie es zur Zeit geschieht, ist ein Signal genau in die falsche Richtung, auch wenn es manchem Gutbürger als Beweis gelungener Integration erscheinen mag.