Monthly Archives: October 2013

You are browsing the site archives by month.

Das Ende der Geschichte

Jede Geschichte hat ein Ende. Das wusste schon Aristoteles. Jede Geschichte hat aber auch eine Mitte. Differenziert erzählte Geschichten sind wegen ihrer Mitte interessant: Die Entwicklung der Charaktere, ihre Reaktion auf unterschiedliche Situationen, ihre Interaktion mit der Welt fesselt uns an diesen Geschichten. Schematisch erzählte Geschichten sind dagegen vor allem von ihrem Ende her interessant: Wer ist der Mörder? Kriegen sich die Liebenden? Stirbt sie oder überlebt sie? In diesen Geschichten suchen wir vor allem die Antworten auf diese Fragen, und verrät uns ein “Spoiler” das Ende, wird die Rezeption der ganzen Geschichte überflüssig. Eine differenziert erzählte Geschichte fesselt uns dagegen auch noch, wenn wir das Ende schon kennen. Der Sinn der Rezeption liegt nicht im Ende, sondern im Weg dahin begründet. Diese Unterscheidung ist übrigens keine nach Genres: Es gibt differenziert erzählte Krimis wie die von Fred Vargas oder Kate Atkinson, und es gibt schematisch erzählte Romane, die zur “Hochliteratur” gezählt werden, wie manche von Heinrich Böll oder Walter Jens.

Wenn man komplexe Handlungszusammenhänge als Geschichten sieht: Unternehmen sind gewohnt, ihre Projekte ausschließlich vom Ende her zu denken: Die Ziele und ihr Erreichen steht im Mittelpunkt. Der Weg dahin ist Mittel zum Zweck. Die Geschichten, die in Unternehmen gelebt werden, sind also schematische Geschichten. Man könnte aber auch die Perspektive ändern: Die Ziele als Mittel zum Zweck sehen, und die Wege, die gegangen werden, als das Eigentliche, das Interessante. Ziele wären dann nur noch dazu da, sich für bestimmte Wege entscheiden zu können: Im Mittelpunkt steht der Weg und was es auf ihm zu entdecken gibt. So würden Unternehmen differenzierte Geschichten erzählen und hätten die Chance, mitzunehmen, was ihnen am Wegrand begegnet. Das sieht man nämlich nicht, wenn man den Blick starr auf das Ziel gerichtet hält.