Author Archives: Michael Kurfer

Lebensabend: Neuer Roman von Michael Kurfer

Soeben ist mein neuer Roman “Lebensabend” als Ebook erschienen. Weitere Informationen gibt es hier:LEBENSABEND

Lebensabend

Ein Monat “Claras Schuh”

Seit einem Monat schreibe ich jetzt meine Twitter-Erzählung “Claras Schuh”. Meine wichtigsten Erfahrungen bisher:

1. Es fällt mir sehr schwer, jeden Tag einen Tweet zuschreiben. Meist habe ich am Wochenende die Beiträge für die vergangene Woche nachgeschrieben. Das Problem ist nicht die reine Zeit, die es kostet, einen Tweet zuschreiben, sondern sich genug Aufmerksamkeit im Hirn freizuschaufeln.
2. Ich bin mir noch nicht sicher, welchen Stil der Text annehmen wird. Im Moment schreibe ich (glaube ich) eher in einem mosaikartiken Stil, lauter kleine Schnapschüsse, die nebeneinandergelesen die Narration ergeben. Manchmal habe ich auch einen Satz über zwei Tweets gezogen, bin mir aber nicht sicher, ob das beim Lesen funktionieren wird.

Nun gut, ich experimentiere weiter.

Claras Schuh

Von heute an schreibe ich “Claras Schuh” als Twitter-Story. (Ich weiß natürlich, dass es so etwas schon gibt, ganze Twitter-Romane, aber da ja ohnehin schon alles gesagt ist, nur noch nicht von jedem, probiere ich es einfach auf meine Weise). Die Regeln, die ich mir setzte:
1. Vom 1.1. bis zum 31.12 2014 schreibe ich an jedem der 365 Tage des Jahres eine Fortsetzung in Twitter-Länge.
2. Ich kenne bis jetzt nur die Ausgangssituation (beruhend auf einer Beobachtung vor ein paar Jahren in der U-Bahn). Den weiteren Fortgang der Geschichte überlege ich mir nach und nach.
3. Am 31. 12. ist die Geschichte zu Ende erzählt, mit einem wirklichen Ende, das Schreiber und (hoffentlich) Leser befriedigt.
4. Die Geschichte ist halbwegs interessant und unterhaltsam.
Als Geschichtenerzähler interessiert mich vor allem, ob der tägliche Rhythmus funktioniert, wie man in jeweils 140 Zeichen eine Geschichte voranbringen und dabei mit Zeitlücken und Nullpositionen umgehen kann. Und: Ob es gelingt, eine Geschichte nach und nach zu erfinden und punktgenau am Jahresende zu ihrem Ende zu bringen.
Wir werden sehen. @michael_kurfer  #ClaraS

Medienartefakte(I): Das Oktoberfest

Das Oktoberfest ist eine Veranstaltung, die von der Stadt München alljährlich zum Zweck der Tourismusförderung mit äußerst großem Erfolg durchgeführt wird. Von der Konzeption über die Durchführung bis hin zur medialen Aufbereitung ist das Oktoberfest ein Musterbeispiel eines bis in die Einzelheiten durchrationalisierten und -designten Marketingevents. Seine Elemente und Skripte sind denen eines religiösen Rituals nachgebildet: der gemeinsame rituelle Verzehr von flüssigen und festen Speisen etwa dem der Eucharistie (Bier und Brathendl vs Wein und Brot), Entwicklung eines spezifischen musikalischen Codes (Hybridmusik aus Volksmusik und Schlager vs Kirchenmusik), einmalige und wiederholbare Initiationen (Reservierung, Überwinden der Eingangskontrollen vs Taufe, Kommunion), etc. Auch einen eigenen modischen Code haben die Marketingstrategen rund um das Oktoberfest entwickelt (man könnte unter Umständen auch hier eine Nähe zu liturgischen Gewändern sehen): Den vor allem fremdländischen Besuchern des Events werden als adäquate Kostümierung lederne Hosen und tief dekolletierte Schürzenkleider verkauft. Diese Bekleidung basiert auf einem Stil, der um 1900 im Zuge der sogenannten Heimatschutzbewegung als “traditionelle Tracht” kodiert wurde und  bis vor einige Jahrzehnte ein Nischendasein in gewissermaßen semio-ökologischen Gruppierungen fristete, die sich “Gebirgstrachten-Erhaltungsverein” nannten und vornehmlich in abgelegenen Dörfern ihr Biotop fanden. Konnte man bis vor zwanzig Jahren noch mit neunzigprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass ein Träger dieser Tracht, dem man während des Oktoberfestes begegnete, kein Einheimischer war, lässt sich in den letzten Jahren ein interessantes Phänomen beobachten: In einem Prozess der Re-Assimilation tragen immer mehr Einheimische diese Kleidung, in der festen Überzeugung, auf eine gewachsene eigene Tradition zurückzugreifen (was wiederum den Erfolg der Marketingkommunikation der Veranstalter belegt).

In der Konstruktion mediale Bilder aus dem Event wird streng darauf geachtet, unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen: So gibt es etwa Bilder von barbusig auf Tischen tanzenden Besuchern für Zielgruppen mit eher basalen Bedürfnissen, Berichte über Besuche von Prominenten für Zielgruppen mit Wunsch nach sozialer Aufwertung und Berichte über angeblich altes Brauchtum für Besucher, denen vor allem traditionelle Orientierung ein Bedürfnis ist. Kritische Berichte konnten bisher weitgehend verhindert werden; das mediale Bild des Oktoberfests ist ein durchgängig positives, was offenbar auch daran liegt, dass die Medien mit dem Event eine nahezu unerschöpfliche Quelle von kostengünstig umzusetzenden Stoffen gefunden haben.

Eine der Zukunftsaufgaben für die Organisatoren wird es sein, das Eventmodell des Oktoberfests inmnerhalb einer Art Franchisestruktur zu lizensieren und so neue Möglichkeiten der Monetarisierung eines der erfolgreichsten Marketingkonzepte der Welt zu erschließen.

Lockere Beziehungen

Was ich an sozialen Netzwerken sehr schätze: Dass man mit Menschen in Beziehung treten kann, ohne sie kennenlernen zu müssen.

Mythen der Macher (3): Ziele

Ziele gehören zu den im heutigen Management- und Unternehmensalltag am meisten überschätzen Konzepten: Ein guter Teil aller Besprechungen und Gespräche drehen sich um Ziele – von Zielklärungsworkshops, Zieldefinitionen bis hin zu Zielerreichungsgesprächen, von denen das weitere Fortkommen der Mitarbeiter abhängig gemacht wird. Dabei haben Manager ihre Ziele immer so fest im Blick, dass sie links und rechts nichts mehr sehen können. Da mögen sich tausend Rahmenbedingungen ändern – mit zusammengebissenen Zähnen werden die einmal gesetzten Ziele verfolgt, wie unsinnig sie auch mittlerweile geworden sein mögen. Und Erfolg misst man ausschließlich daran, ob diese Ziele erreicht wurden. So entsteht Starrheit, Unflexibilität und die Unfähigkeit, auf neue Herausforderungen schnell reagieren zu können.

Natürlich braucht man Ziele. Ziele sind nützliche Konzepte, um Wege gehen zu können. Ziele sind Mittel, nicht Zweck. Man braucht ein Ziel, um sich für einen bestimmten Weg entscheiden zu können. Geht man dann diesen Weg, ist es wichtig, auf seine Herausforderungen zu reagieren; wer immer nur das Ziel im Auge hat, stolpert leicht mal über eine versteckte Wurzel. Und wenn der Weg es verlangt, sollte man jederzeit bereit sein, das Ziel über Bord zu werfen und sich ein neues auszudenken. Oder einfach einmal eine Zeit lang dem Weg vertrauen, gespannt, wo er einen hinführt. Dann könnte man Erfolg nach dem Weg, der zurückgelegt wurde, messen – und nicht danach, ob irgendwelche Ziele, die irgendwer irgendwann einmal gesetetzt hat, erreicht wurden.

Tröstliche Trostlosigkeit

Am Donnerstag bei der Eröffnung der Ausstellung “Die Farbe grau” des Berliner Fotokünstlers Michael Schmidt im Haus der Kunst: Ich gehe an den Bildern entlang und bin erst einmal wieder geplättet von der Intensität, mit der Michael Schmidt die banale Trostlosigkeit von Orten, auch von Menschen an Orten, in Bilder fasst. Diese Trostlosigkeit befällt auch mich, gleichzeitig aber eine tröstliche Einsicht: Ja, so sieht die Welt eben auch aus, lass es einfach so, such nicht nach dem herausragenden Erlebnis oder dem Schönen. Der Trost der Banalität, die Erleuchtung ist das alltägliche Leben. Ich erlebe die tröstlichen Trostlosigkeit, die die Bilder vermitteln. Ein Paradox! Nach George Spencer Brown ist ein Paradox das ständiges Hin- und Heroszilieren zwischen zwei sich eigentlich ausschließenden Werten, und genau das ist es, was – wie ich denke – die Bilder Michael Schmidts auf geniale Weise herstellen. Spencer Brown nennt die Werte solcher Paradoxa “imaginär”. Was kann ein Bild (imago) mehr erreichen, als einen in diesem Sinne imaginären Wert zu vermitteln und damit unsere  ja/nein-, wahr/falsch-Konstruktion zumindest für den Augenblick des Betrachtens der Bilder zu transzendieren?

Mögliche Manifeste (1): Für eine autofreie Stadt!

Wir werden überrollt von einer Lawine aus Blech! Fahrende Autos zerstören mit Lärm und Gestank unsere Lebensqualität! Parkende Autos verwandeln unsere Straßen in Hindernisparcours mit dem Charme von Schrottplätzen! Wir lassen es uns bieten, dass die übel aussehenden und schlecht riechenden Blechkisten überall die Schönheit, die Zugänglichkeit, die Sicherheit und die Menschlichkeit unserer Städte zerstören!

Deshalb fordern wir: Raus aus den Städten mit den Autos! Am Beispiel Münchens: Innerhalb des Mitteleren Rings absolutes Verbot für Autos; Lieferungen sind für gewerbliche Zwecke und nach Sondergenehmigung bis 10 Uhr morgens möglich. Außerhalb des Mittleren Rings werden auf Freiflächen große Parkhäuser gebaut, in denen diejenigen Münchner, die unbedingt meinen, ein Auto besitzen zu müssen, ihre Fahrzeuge gegen eine so hohe Gebühr abstellen können, dass sich nicht nur der Bau der Parkhäuser binnen weniger Jahre amortisiert, sondern zusätzliches Geld für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt eingetrieben wird.

Nieder mit dem Blech! Es lebe der Fußgänger!

Mythen der Macher (2): Etwas bewegen

Werden Führungskräfte befragt, was ihnen in Ihrem Job besonders wichtig ist, rangiert eine Antwort meist ganz oben: Etwas bewegen können. Gemeint ist damit: Etwas ändern können, Entscheidungen treffen können, die zu Veränderungen führen. Interessant dabei ist, dass mit dieser Antwort die pure Aktion fokussiert wird, nicht der Inhalt der Aktion. Wahrscheinlich wird deshalb in Unternehmen so viel verändert und umorganisiert, ohne dass dadurch etwas anderes als Veränderung entsteht – meistens zumindest keine Verbesserungen. Wer das nicht glaubt, sollte Mitarbeiter großer Unternehmen und solche Führungskräfte, die selbst gerade nicht bewegt haben, sondern bewegt wurden, über ihre Einschätzung der letzten Umorganisationen befragen. Das Ziel, immer und überall “etwas bewegen” zu wollen, wertet die pure Veränderung als positiv – und so werden auch funktionierende Systeme so lange bewegt, bis nichts mehr klappt und man um eine weitere Umorganisation nicht mehr herumkommt. Vielleicht sollten Unternehmen einmal damit experimentieren, nicht diejenigen Führungskräfte zu belohnen, die möglichst viel Wind machen, sondern diejenigen, die erst einmal schauen, zuhören, warten – und dann nur das verändern, was nicht funktioniert.

Mythen der Macher (1): Leistungsträger

Leistung muss sich wieder lohnen, hört man zur Zeit landauf, landab, und es ist auch viel von “Leistungsträgern” die Rede. Wenn sich etwas lohnt, ist in unserer Kultur meist gemeint, dass es sich finanziell auszahlt; Leistung muss also, soll sie sich lohnen, mit Geld entlohnt werden. Das Sprechen von “Leistungsträgern” zeigt, dass Leistung so etwas ähnliche wie ein Kleidungsstück oder ein Gepäckstück ist; beides kann man tragen. Leistungsträger ziehen also entweder Leistung an, oder schleppen sie mit sich herum. Vermutlich existieren auch zwei Kategorien von Leistungsträgern: solche, die sich mit Leistung schön kleiden, und solche, die sich damit abschleppen. Zumindest zu letzterem ist Energie nötig, und die Physik definiert Leistung ja als den Quotienten aus aufgewendeter Energie und der dafür verbrauchten Zeit. Anders gesagt: Leistung ist energischer Zeitverbrauch. Dies korrespondiert mit der Selbsteinschätzung von Leistungsträgeren: Wertet man ihre Äußerungen in Interviews, Artikeln etc. aus, stellt man fest, dass sie besonders stolz auf ihre 16-Stunden Tage sind. Sehr viel Zeitverbrauch also. Damit man diesen nicht einfach nur als “Trödeln” oder “Langsamkeit” bezeichnet, wie es häufig als für Nicht-Leistungsträger typisch beschrieben wird, ist nach der Definition nötig, dass der hohe Zeitverbrauch bei Leistungsträgern auch mit hoher Energie zu geschehen hat

Halten wir fest: Der Leistungsträger ist also jemand, der

  1. seine Leistung mit sich herumschleppt oder sich mit ihr schmückt, oder beides,
  2. viel Zeit mit höchster Energie verbraucht, und
  3. für diesen energischen Zeitverbrauch (meist gut) finanziell entlohnt wird.

Resultate oder Ergebnisse des energischen Zeiverbrauchs spielen dagegen für die Definition des Leistungsträgers offenbar keine Rolle; auch diejenigen, deren Zeitverbrauch negative Auswirkungen zeitigt, wie zum Beispiel Banken- und Firmenpleiten oder Finanzkrisen, verlieren dadurch nicht das Prädikat des Leistungsträgers, wie die nach wie vor sehr gute finanzielle Entlohnung beweist.