Author Archives: Michael Müller

SocialMania

Hier ein Interview mit mir zum Kongress “SocialMania – Medien, Politik und die Privatisierung der Öffentlichkeit” am 21./22. Juni 2012, den ich gemeinsam mit Petra Grimm organisiert habe:

Parlamentarische Kompetenz

Die Affäre um das neue Meldegesetz hat ja sehr schön gezeigt, wie arbeitsfähig unser Parlament in Extremsituationen ist. Ein mediales Großereignis wie die Fußball-EM reicht aus, damit eine Gesetzesformulierung den Bundestag passiert, die (angeblich) so niemand gewollt hat. Wegen eines Deutschlandspiels war kaum ein Abgeordneter da, und die, die da waren, haben offenbar nicht so genau auf die Texte geschaut (wahrscheinlich konzentrierten sie sich auf den Live-Ticker auf ihrem Smartphone). Bei der WM in zwei Jahren sollten wir höllisch aufpassen, dass dem Parlament nicht ein Ermächtigungsgesetzt oder so etwas durchrutscht.

Skandalspielereien

In der Affäre um Christian Wulf kann man sehr schön beobachten, wie Medien und Betroffener gemeinsam einen Skandal konstruieren. Es begann mit einer kleinen Lügegeschichte des Präsidenten, die, von den Medien aufgedeckt, von ihm mit Halbwahrheiten und Ausflüchten angereichert wurde. Die Ungeschicktheit dieser Ausflüchte wirkten wie Aufforderungen an die Medien, weiter nachzubohren; was sie fanden, waren Kleinigkeiten, deren Enthüllungen der Präsident wiederum mit juristischen Spitzfindigkeiten konterte. Die ganze Zeit verhielt sich Wulf so, als wolle er das Spiel mit den Medien weiterspielen und nicht beenden. Was dabei ganz nebenbei entstand, ist das Bild eines kleinen, verdrucksten Menschen auf dem Präsidentenposten, der zur Angstbeißerei neigt. Das Urheberrecht an diesem Bild haben Wulf und die Medien zu gleichen Teilen.

Umdeutungen

Die Guttenberg-Plagiats-Affäre liefert schöne Beispiele für den Umgang von Politikern mit der Realität. Nur zwei davon:

  1. Guttenberg entschuldigt sich für die Fehler in seiner Dissertation damit, dass das Anfertigen der Arbeit neben seiner Abgeordnetentätigkeit und den Belastungen als junger Familienvater einer “Quadratur des Kreises” gleichgekommen sei. Wir die meisten Gymnasiasten wissen, ist jeder Versuch einer  Quadratur des Kreises von vorneherein zum Scheitern verurteilt; jeder halbwegs vernünftige  Mensch würde davon die Finger lassen. Nicht so der Politiker: Er versucht das Unmögliche – und fordert auch noch Anerkennung dafür, oder wenigstens Verständnis für die Fehler, die ihm beim Versuch, das Sinnlose zu tun, naturgemäß unterlaufen.
  2. Bundeskanzlerin Merkel kommentierte laut der “Süddeutschen Zeitung” von heute die Aberkennung des Doktorgrades durch die Universität Bayreuth mit folgenden Worten: “Die Entscheidung der Uni Bayreuth liegt auf der Linie dessen, was der Verteidigungsminister vorgegeben hat. Sie macht daher Sinn.” Also: Politiker geben vor, andere entscheiden dann gemäß dieser Vorgabe – dann, und nur dann entsteht “Sinn”. So wird der “Verteidigungsminister” vom Erleidenden einer Handlung (der Entscheidung der Uni) zum Handelnden umgedeutet: Sinn macht die Entscheidung der Uni ja nur, weil sie der vorgegebenen Linie folgt. Damit macht Merkel einen Wesenszug realen politischen Agierens deutlich: Politik besteht darin, alles, was eben so passiert als eigenes Handeln zu interpretieren – wenn es einem denn in den Kram passt.

Medien-Stammtisch

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe in einem immerhin zweispaltigen Artikel, dass sich Niki Lauda über den Auftritt eines homosexuellen Paares in einem Fernseh-Tanzwettbewerb erbost habe. Er habe nichts gegen Schwule, aber der Auftritt von Schwulen im Fernsehen widerspreche “guten Traditionen in unserer Kultur”, so kurz zusammengefasst die Meinung des ehemaligen Rennmeisters und Bruchpiloten. Eine Meinung, die er, so ist zu befürchten, mit vielen anderen oberhaiderischen oder hinterwäldlerischen Landsleuten teilt. Die Frage ist nur: Warum berichtet die Süddeutsche darüber? An der Qualität der geäußerten Meinung kann es nicht liegen – sonst müsste das Blatt ja seine Seiten tagtäglich mit den Geisteserzeugnissen nationaler und internationaler Stammtische füllen. Woran sonst? Daran, dass der Inhaber dieser Meinung ein “Promi” ist, ein “Star”, der berühmt wurde, weil er sehr gut im Kreis herum Auto fahren kann? Heißt das Motto: Ich bin ein Star, berichtet über mich – egal ob ich Kakerlaken fresse oder Unsinn verzapfe? Die Zeitung hätte dann in erster Linie die Rolle eines medialen Promi-Stammtisches. Eine Rolle, die einige Medien ja bereits vollständig übernommen haben – und andere anscheinend sich gerade  anschicken, zu übernehemen.

Christliche Leitkultur?

Schon seit längerer Zeit, spätenstens aber seit der Rede von Bundespräsident Christian Wulf im letzten Oktober, wird nicht nur von Konservativen häufig die “christlich geprägte Leitkultur”  beschworen, von der Deutschland, ja ganz Europa geprägt sei und an die sich Migranten und andere Fremdlinge anzupassen haben. Nun ist es unbestritten, dass das Christentum und christliche Realitäts- und Wertvorstellungen über viele Jahrhunderte Europa geprägt haben. Doch wir hatten in Europa auch die Aufklärung, in der man sich – zumindest ideengeschichtlich – von der Vorstellung “ein Volk, ein Glaube” verabschiedet und dafür Ideen wie die von der Religionsfreiheit und dem säkularen Staat entwickelt hat – auch wenn letztere in Deutschland und anderen Staaten nie wirklich umgesetzt wurde. Und wenn es etwas genuin europäisches gibt, dann sind es eben die Ideen der Aufklärung, die auch Toleranz gegen Andersdenkende und eine Haltung des “Weltbürgertums” einschließen. Zu einer Religion kann man sich schnell mal bekehren, aber Aufklärung ist harte Arbeit: Den anderen denken lassen, was er will, ihn nach seiner Facon selig werden lassen, solange er niemanden damit belästigt. Anstatt also von “christlicher Leitkultur” zu faseln, sollten wir lieber die Werte der Aufklärung hochhalten und endlich ernst machen mit einer säkularen Gesellschaft, in der Religion reine Privatsache wäre. Ein erster Schritt dahin wäre es zum Beispiel, den Religionsunterricht an Schulen durch ein Fach “Philosophie- und Religionsgeschichte” zu ersetzen, in dem der Nachwuchs neutral kennenlernen kann, was man bei den Christen, Moslems, Buddhisten so alles glaubt, aber auch was Platon, Spinoza, Kant oder Wittegenstein zum Wissen der Welt beigetragen haben. Neben den katholischen und evangelischen Religionslehrern auch noch islamische auf die Kinder loszulassen, wie es zur Zeit geschieht, ist ein Signal genau in die falsche Richtung, auch wenn es manchem Gutbürger als Beweis gelungener Integration erscheinen mag.

Kommunikationsverweigerung

Um es gleich vorweg klarzustellen: Ich teile Thilo Sarrazins Ansichten zur Abschaffung Deutschlands in keiner Weise, ich halte sie für ein Beispiel dafür, wie man trotz aller benutzter Statistken zu ebenso seltsamen wie abseitigen Weltkonstruktionen kommen kann, die noch dazu daran kranken, dass Sarrazin offenbar Intelligenz mit Schulbildung und sozialem Status verwechselt. Die Art und Weise, wie mit diesen Thesen in der Politik und teilweise in den Medien umgegangen wird, halte ich jedoch für bezeichnend für deren Kommunikations-“Kultur”: Es ist in weiten Strecken nicht eine Kultur der Diskussion und Auseinandersetzung, sondern eine der Ausgrenzung. So fällt der SPD zum Beispiel nichts anderes ein, als ein Parteiausschlussverfahren gegen ihr Mitglied Sarrazin anzustrengen, und das nicht enmal wegen seiner Hauptthesen, sondern wegen seines in einem Interview geäußerten dummen Spruchs über jüdische Gene. Am deutlichsten aber war diese Ausgrenzungskultur Anfang der Woche in der Talkshow “Beckmann” zu beobachten: Wie da der Moderator allein schon durch seine Körpersprache Sarrazin buchstäblich die kalte Schulter zeigte, ihn mit vor Ungeduld zitternder Stimme unterbrach, sich nur den anderen Gutmenschen in der Diskussionsrunde zuwandte, war ein Musterbeispiel medialer Verweigerung von Kommunikation bei gleichzeitiger Kommunikationssimulation. Sowohl dem medialen System, für das Beckmann steht, als auch dem politischen, durch die SPD und ihren Vorsitzenden Gabriel repräsentiert, fehlt offenbar das Selbstbewusstsein, das für die Auseinandersetzung auch mit anrüchigen oder sogar gefährlichen Thesen wie denen Sarrazins nötig wäre.

Die Sprache blecken

Bild_Stiftung_IntegrationEine Sprache nennt man manchmal etwas altertümlich auch eine Zunge: “In deutscher Zunge sprechen”. Die Stiftung Integration, die offenbar für das Erlernen der deutschen Sprache wirbt, hat das ganz wörtlich genommen und als Bild für die deutsche Sprache eine schwarzrotgolden bemalte Zunge gewählt, die ein junger Mann herausstreckt. Die Zunge herauszustrecken gilt normalerweise als ein Akt des Verspottens oder Verächtlichmachens. Wenn also die deutsche Sprache mit der bemalten Zunge gleichgesetzt wird, dann auch das Sprechen dieser Sprache mit einem Akt der Beleidigung. Soll man also wirklich eine Stiftung unterstützen, die dazu auffordert, Deutsch zu lernen, um besser beleidigen zu können? Vielleicht vor allem dabei, eine neue Werbeagentur zu finden.

Die Tür geht auf!

Anfang des Jahres hat Union Investment eine geschlossene Türe auf die grüne union_zweiWiese gestellt (vgl. den Webworte-Beitrag von 25.1.2010). Seit ein paar Wochen steht diese Tür nun offen. Davor steht en junges Paar und kann genau sehen, dass hinter der Türe tatsächlich nichts anderes ist, als davor: Gras, Bäume, Himmel. Wenn sie schon nicht in der Lage waren, einfach um die Tür herumzugehen, warum merken sie dann nicht wenigstens jetzt, dass das Versprechen von Union Investment ein leeres ist: Wenn man der Einladung des Unternehmens folgt, geschieht – nichts! Hält Union Investment seine Kunden tatsächlich für so beschränkt, dass sie trotz dieses leeren Versprechens die Fonds des Unternehmens kauft? Oder hat da mal wieder keiner nachgedacht bei der Konzeption der Werbung?

Die Kunst, nicht zu lehren

Eine Meldung heute in der SZ: Funktioneller Analphabetismus ist immer noch weit verbreitet. Was ich mich dabei frage: Wie schafft es eigentlich die Schule, Menschen acht oder neun Jahre bei sich zu beherbergen und ihnen nicht einmal das Grundlegende beizubringen? Seit Jahrzehnten werden immer die gleichen Gründe angeführt, ohne dass sich etwas ändert: Zu große Klassen, zu viel Druck, zu volle Lehrpläne. Lassen wir einmal die großen Klassen beiseite, dahinter steckt auch ein finanzielles Problem. Aber  die Lehrpläne könnte man – ohne Mehrkosten –, sagen wir einmal, um zwei Drittel abspecken, dann stünden die Lehrer nicht mehr unter Druck und könnten auch sogenannten schwächeren Schülern mehr Zeit widmen. Warum geschieht das nicht? Vermutlich, weil hinter den vollen Lehrplänen ein antiquierter Wissensbegriff steckt, der reine Quantität an Wissen für wertvoll hält, und der in einer Informationsgesellschaft komplet unbrauchbar geworden ist und nur noch im Fernsehquiz zum Erfolg führt. “Wer wird Millionär” führt diesen Wissensbegriff ja vor: Wer möglichst viel weiß, gilt hier als Genie. Da die weltweit verfügbaren Wissensmengen exponentiell wachsen, läuft die Schule wie der Hase dem Igel einem nicht erreichbaren Ziel hinterher: Es wird ihr nie mehr gelingen, “genug” Wissen zu vermitteln. Und der Versuch, trotzdem immer mehr an Wissen in die Lehrpläne zu stopfen, führt paradoxerweise zur Verdummung der Schüler: Hilflos schwimmen sie in einem Ozean nicht zusammenhängender Wissensbrocken und lernen vor allem eines – nämlich nichts zu lernen.

Natürlich sollte die Schule Faktenwissen vermitteln; genügen würde etwa ein Drittel von dem, was sich ein heutiger Schüler bis zum Abitur einverleiben muss. Die freiwerdende Zeit könnte dann dafür genutzt werden, die Kompetenzen zu schulen, ohne die ein Überleben in einer Wissensgesellschaft nicht mehr möglich ist: Logisches und kreatives Denken, Wissen und Fakten finden, gewichten und ordnen. Aber solange die Kultusministerien letzteres selbst nicht können, ist die Chance, das im Schulunterricht verwirklicht zu sehen, wohl äußerst gering.