Author Archives: Michael Müller

Was ist Humor, und was ist ein KZ?

Wie diese Woche durch die bayerische Presse ging, gab es einen Skandal um eine Passage der traditionellen kabarettistischen Bußpredigt beim Starkbieranstich am Münchner Nockherberg. Der Prediger Michael Lerchenberg hatte über Guido Westerwelle gesagt: “Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumherum ein großer Stacheldraht – hamma scho moi g’habt. Dann gibt’s a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Lettern: ‘Leistung muss sich wieder lohnen'” (zitiert nach SZ vom 6./7.3.2010).

Als erste protestierte reflexhaft Charlotte Knobloch, dann die anderen secundum ordinem. Zwei Reaktionen seien herausgegriffen, da sie zu tieferen Fragen aufrufen. Christine Haderthauer, bayrische Sozialministerin und wegen ihrer großen Klappe von Lerchenberg als “Daisy Duck” bezeichnet, kündigte an, den Nockherberg zu boykottieren, wenn die Fastenpredigt nicht zu ihrer ursprünglichen “humorvollen Form” zurückfände. Die Frage ist: Was ist hier mit “Humor” gemeint? Billiges Lachen über wohlfeile Scherze, wie man sie aus den Comedy-Sendungen im Privatfernsehen kennt? Dann sollte man unbedingt Mario Barth zum nächsten Fastenprediger machen. Oder darf Humor auch mal ein wenig weh tun, darf einem auch einmal das Lachen im Hals stecken bleiben – wenn nur der Witz ein Körnchen Wahrheit ausdrückt? Und ist nicht die Tatsache, dass Pauschalurteile über ganze Bevölkerungsgruppen, wie Westerwelle eines über die Hartz-IV-Empfänger gefällt hat, letztlich einem strukturellen Argumentationstypus angehören, der die Juden einst ins KZ gebracht hat, ein solches Körnchen Wahrheit?

Der Text der Fastenpredigt war sowohl der veranstaltenden Paulaner-Brauerei als auch dem BR zuvor vorgelegt worden; allerdings änderte Lerchenberg zwei Stellen in der Lifefassung: Anstatt dem Wort “Zaun” in der Schriftfassung sagte er beim Auftritt “Stacheldraht”, und das “hamma scho moi g’habt” fügte er spontan ein. Die Schriftfassung wurde von niemandem beanstandet. Ein Sprecher der Paulaner-Brauerei behauptete nun, die KZ-Anlaogie habe sich erst in der vorgetragenen Version erschlossen, nicht in der Schriftfassung. Bedeutet das, dass bei der Beschreibung eines straflagerähnlichen Gebildes, über dessen Eingang ein Sinnspruch in eisernen Lettern steht und das bewacht wird von Braun-, verzeihung, Gelbhemden, niemandem eine KZ-Analogie in den Sinn habe kommen können? Das ist wirklich lustig, und vielleicht ist es ja so, dass der wahre Humor vor und nicht auf der Bühne stattfindet. Dann wäre es doch sicher eine gute Idee, unsere Leistungsträger (zu denen wir aus Freundlichkeit ruhig auch mal die Politiker rechnen), auf dem Nockherberg sich selbst derblecken zu lassen – sie machen das ja ohnehin mit viel unfreiwilligem Humor das ganz Jahr über recht gut!

Westerwelle

Warum wundern sich eigentlich alle über Westerwelles Vergleich des Sozialstaats mit der Dekadenz im alten Rom? Er gibt doch nur die Haltung wieder, die die FDP schon immer hatte.

Die Tür ins Leere

Ein Paar geht am Seeufer spazieren. Vor ihnen baut union_investmentsich eine geschlossene Tür auf. Als Betrachter des Bildes sehen wir, was das Paar vermutlich noch nicht weiß: Dass hinter der Tür nichts anderes ist als vor ihr; die Tür ist als reines Hindernis in die Landschaft gestellt. Dabei verspricht der Text unter dem Bild: “Treten Sie ein und kommen Sie Ihren Wünschen ein Stück näher. Mit Fonds von Union Investment.” Wie das Bild zeigt, kann dieses Versprechen nur dann funktionieren, wenn der einzige Wunsch, den man hat, der ist, dass alles so bleibt, wie es ist. Denn eigentlich sagt Union Investment: “Wenn du durch diese Tür gehst, passiert – nichts!” Ist diese Anzeige Ausdruck einer neuen Bescheidenheit? Ist das Unternehmen zum Zen-Meister unter den Fondsmanagern geworden, der den Weg zur reinen Leere zeigt? Oder hat Union Investment aus der Finanzkrise die Lehre gezogen, dass Rendite-Versprechen realistisch zu halten sind? Und was könnte heute realistischer sein, als Nichts zu versprechen?

Was wollen die erzählen? Alarm!

Spätestens seit die Schweinegrippe-Pandemie erst groß angekündigt wurde und dann ausgeblieb, schlagen die Medien Alarm: Grassierenden Alarmismus entdecken sie – in den Medien. Und sie haben recht, nicht wahr? Kaum sinken die Temperaturen unter fünf Grad minus veranstaltet der ARD um 20.15 Uhr einen Brennpunkt, in dem zehn oder 15 Minuten lang mit großem semiotischen Aufwand (“sibirische Kälte”) nichts gesagt wird, als dass es kalt ist. In anderen Fällen: Dass man auch noch nicht mehr weiß, als vorher in der Tageschau vermeldet. Fast freut man sich schon, wenn es mal eine echte Katastrophe gibt, über die gebrennpunktet wird. Aber auch die Printmedien beteiligen sich wacker: All die gefährlichen Seuchen – Rinderwahn, Schweinepest, Vogelgrippe, Schweinegrippe – die unsere Breiten in den letzten Jahren heimgesucht haben! Unsere Jugend, die in Gewalt und Stumpfsinn verstrickt ist! Umwelt- und sonstige Katastrophen, die uns die Luft zum Atmen nehmen! Armut, die überhand nimmt! Ganz zu schweigen von Krisen des Sinns, des Glaubens, des Bürgersinns, von denen wir immer wieder gebeutelt werden. Wenn spätere Archäologen einmal ein Medienarchiv des beginnenden 21. Jahrhunderts ausgraben und in ihrer Naivität glauben, es handle sich dabei um Texte und Bilder, die die Realität abbilden: Sie müssten glauben, wir lebten in der schlechtesten aller möglichen Welten.

Aber ist nicht der Alarm über den Alarmismus der Medien selbst so naiv wie die Annahmen der hypothetischen künftigen Archäologen? Ist es nicht eigentlich Geschäft und Bestimmung der Medien, Aufmerksamkeit zu erregen? Und wodurch ist dies besser, effizienter und nachhaltiger zu erreichen als durch Katastrophen- und Alarmmeldungen? Vielleicht glauben wir nur fälschlich, es sei (unter anderem) Aufgabe der Medien, Realität abzubilden. Vielleicht haben sie ja einfach nur die Funktion der Gruselgeschichten übernommen, die man sich an den vielbeschworenen langen Winterabenden am Kamin erzählte: Ein wohliges kollektives Schaudern darüber hervorzurufen, was einem in Wirklichkeit alles erspart bleibt.

Zum Jagen geschleift

Seit Jahren schon irritiert mich der Werbespot der Deutschen Bank: Ein junger, cowboyartiger Mann schwingt das Lasso, wirft die Schlinge und fängt eine große Ziffernskulptur, die „4,5%“ (oder irgend eine ähnliche Zahl) verkörpert. Nachdem er diesen günstigen Zinssatz eingefangen hat, scheint der Cowboy plötzlich von Zweifeln erfasst zu werden. Denn er tut Widersprüchliches: Während er sich mit den Händen am Lassoseil zu der Ziffernskulptur hinzieht, stemmt er sich mit den Haken so gegen diese Bewegung, dass seine Füße zwei tiefe Kerben in den glänzenden Fußboden graben. Eine seltsame Inszenierung: immerhin haben wir es mit einem Film zu tun, der unter dem Genre „Werbespot“ läuft. Erstens ist seltsam, dass des Zinsangebot der Bank ganz offenkundig nicht zum Kunden hinkommt, sondern dass der Kunde es unter Aufbietung großer Geschicklichkeit (wer kann schon Lassowerfen?) und aller Kraft sich zu ihm hinarbeiten muss. Die Bank kommuniziert damit, dass die Ehre, ihr Kunde zu sein, hart erarbeitet sein muss. Aber der Kunde – der Cowboy – ist sich nicht sicher, ob er diese Ehre wirklich haben will: zumindest seine Beine sträuben sich vehement gegen diese Bankbeziehung. Als nicht nur, dass man sich das Bankangebot hart erarbeiten muss: es ist auch noch höchst zweifelhaft, ob der Lohn dieser Arbeit überhaupt wünschenswert ist.
Für einen Werbespot eine erstaunliche Aussage! Aber also sozialpsychologische Darstellung des ambivalenten Verhältnisses von Menschen zu Banken eine nette bildliche Parabel. Und da die Deutsche Bank diesen Spot auch schon lange vor der selbstgeschaffenen Krise der Banken geschaltet hat, muss man sagen: Hut ab vor so viel Weitblick. Und Hut ab vor dem großen Mut der Deutschen Bank, die teure Werbe-Sendezeit dafür opfert, Menschen darüber aufzuklären, ein wie zweischneidiges Schwert eine Bankenbeziehung ist