Unternehmen leben von Geschichten

Um als Unternehmen erfolgreich zu sein, muss man gute Geschichten haben – nicht nur für die Kommunikation (Storytelling), sonderen auch für das unternehmerische Handeln selbst: “Die Zukunft ist unsicher und offen. Wir können sie nicht voraus berechnen, müssen aber gleichzeitig in der Gegenwart Entscheidungen treffen, deren Folgen wir erst viel später kennen. Wir treffen hochriskante und kostspielige Entscheidungen auf der Grundlage von Bildern der Zukunft, die wir uns als Geschichten erzählen.” So der Soziologe Jens Beckert in einem Interview in der FAS am vergangenen Sonntag (12.6.16), dessen neues Buch “Imagined Futures. Fictional Expectations and Capitalist Dynamics” gerade erschienen ist. Strategien und Geschäftsideen zu entwickeln bedeutet  also, Narrative zu entwerfen und dann zu versuchen, diese Geschichten Wirklichkeit werden zu lassen. Dies ist auch der Gedanke, der dem Ansatz des Narrativen Managements zugrunde liegt, zu dem ich gerade gemeinsam mit Christine Erlach eine zertifizierte Fortbildung an der Hochschule der Medien in Stuttgart durchführe. Im Herbst finden die einschlägigen Module “Narratives Changemanagement” (23. und 24.9.16) und “Narrative Leadership” (25. und 26.11.16) statt, zu denen sich noch interessierte Berater, Führungskräfte und Kommunikatoren anmelden können (Weitere Informationen finden Sie hier).

 

Personal Storytelling

Wenn man Menschen im beruflichen Kontext auffordert, eine Geschichte zu erzählen, erwidern sie häufig: Tut mir Leid, ich kann überhaupt nicht erzählen! Redet man ihnen dann gut zu, erzählen dann diese “Nicht-Erzähler” häufig spannende, berührende oder mitreißende Geschichten. Jeder Mensch kann erzählen. Storytelling ist nicht nur eine der ältesten und erfolgreichsten Kommunikationstechniken, die die Menschheit je entwickelt hat, sondern auch eine, für die unser Gehirn gebaut ist – über Geschichten erkennt und verarbeitet unsere Gehirn die Erfahrungen, die wir machen. Wir sind buchstäblich ein „storytelling animal“, wie der amerikanische Storytelling-Experte Jonathan Gottschall in seinem gleichnamigen Buch ausführt (New York 2012).

Wer die eigene Erzählkompetenz zu entwickeln will, muss also nicht eine ganz neue Fertigkeit erwerben – wie etwa wenn man Klavierspielen lernt –, sondern nur eine angeborene Fähigkeit, die bei vielen von uns verschüttet ist, wieder entwickeln und trainieren.

Nirgends scheinen wir unsere Fähigkeit zu erzählen stärker unter der Decke zu halten als in unserem beruflichen Kontext: Man muss sich nur in einem beleibigen Meeting die Präsentationen anhören, die dort gehalten werden – Massen von Powerpoint-Folien, vollgepackt mit Zahlen und Fakten. Diese Präsentationen ernten in der regel Langeweile bei den Zuhörern auslösen. Schade – denn es steckt viel Arbeit in ihnen, und man möchte ja auch etwas erreichen: Kollegen und Vorgesetzte von einem Projekt überzeugen, sie informieren oder ihnen Wissen vermitteln. Und diese Ziele erreicht man am besten, wenn man mit Geschichten arbeitet: „Geschichten treiben uns um, nicht Fakten. Geschichten enthalten Fakten, aber diese Fakten verhalten sich zu den Geschichten wie das Skelett zum ganzen Menschen“, schreibt der Hirnforscher Manfred Spitzer in seinem Buch „Lernen“ (München 2007). Für Präsentationen bedeutet das: Die Fakten immer wieder durch kleine Beispielgeschichten zum Leben erwecken. Oder gleich der ganzen Präsentation eine Rahmengeschichte geben, in die dann die einzelnen Fakten und Zahlen eingebettet werden.

Wie man Storytelling in Präsentationen, in Verkaufs- und Kundengesprächen einsetzt oder einfach um die eigene Person besser verkaufen zu können, vermittle ich gemeinsam mit Christine Erlach (Narrata) in dem Seminar “Personal Storytelling – die eigene Erzählkompetenz entwickeln” von 19. bis 20. Februar 2016 an der Hochschule der Medien Stuttgart im Rahmen der Weiterbildung “Narratives Management”. Weitere Informationen hier.

Stil

Vor allem im Sommer tauchen sie in den Medien auf: Stil-Experten und Stil-Päpste, die uns sagen, was geht und was gar nicht geht. Heute zum Beispiel in der Süddeutschen: Geht es, dass der griechische Finanzminister Euklid Tsakalotos (wie schon sein Vorgänger Varoufakis oder der frühere Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain) mit einem Rucksack statt einem Aktenkoffer zu internationalen Verhandlungen geht? Nein, schreien die Stil-Experten, dass sei “geschmacklos und kindisch”. Auch über Sandalen (mit oder ohne Socken) in der Stadt, kurze Männerhosen, kurzärmlige Hemden im Büro und vieles mehr haben sich die Stil-Päpste in den letzten Wochen ausgelassen. Geht alles nicht. Nun kann natürlich jeder irgend etwas gut oder schlecht finden; ich persönlich zum Beispiel finde Krawatten potthässlich – egal mit welchem Muster. Allein schon der Gedanke, dass Menschen freiwillig mit einem Strick um den Hals herumlaufen! Aber egal – deswegen muss sich ja keiner davon abhalten lassen, Krawatten schön zu finden. Aber die Päpste dieser Welt begreifen ihre Stil-Kritiken als allgemeingültige Urteile. Begründung? So gut wie immer Fehlanzeige – es reicht im Stilkritiker-Business offenbar, apodiktische Urteile zu fällen. Arno Schmidt soll mal gesagt haben, Stil sei etwas für Idioten. Damit hat er, zumindest was Stil-Experten betrifft, vielleicht recht. Glaube ich.

Lebensabend: Neuer Roman von Michael Kurfer

Soeben ist mein neuer Roman “Lebensabend” als Ebook erschienen. Weitere Informationen gibt es hier:LEBENSABEND

Lebensabend

Eine schöne Geschichte über Geschichten und Denken

Gerade gefunden bei Gregory Bateson:

“Ein Mann wollte wissen, wie es sich mit dem Geist verhält — nicht in der Natur, sondern in seinem eigenen großen Computer. Er fragte ihn (zweifellos in makellosem Fortran): ‘Rechnest du damit, dass du jemals denken wirst, wie ein menschliches Wesen?’ Die Maschine machte sich daran, ihre eigenen Rechengewohnheiten zu analysieren. Schließlich druckte sie ihre Antwort auf einem Stück Papier aus, wie dies solche Maschinen zu tun pflegen. Der Mann eilte hin, um die Antwort zu erfahren, und fand die sauber getippten Worte vor: Das erinnert mich an eine Geschichte.

Gregory Bateson: Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1987 (stw 691), S.22

Karriere im Dschungel

Das “Dschungelcamp” ist eine Parabel auf das, was viele Menschen Tag für Tag in ihrem beruflichen Umfeld erleben (müssen).

Seit einer Woche hat das Dschungelcamp seine Zelte abgebrochen, und das begleitende mediale Pow-how ist verstummt. Bei keiner Staffel zuvor hatten so viele Zuschauer das Treiben der “Stars” genannten Medienfiguren verfolgt, und bei keiner, scheint mir, waren die medialen Reaktionen so breit gefächert: Das ging von den üblichen reflexhaften Moralinaufregern wegen der “demütigenden” Prüfungen bis hin zu entwicklungspsychologischen Studien zu einzelnen Figuren, wie sie etwa Roger Willemsen am Beispiel Larissa Marolts in der “Süddeutschen” vom 1.2. vorgestellt hat. Was aber interessiert so viele Menschen und Journalisten an Ungeziefer essenden und Unsinn redenden Menschen, die ungeachtet ihrer Etikettierung als “Stars” kaum einer kennt?

Eine mögliche Antwort könnte sein, dass das “Dschungelcamp” als eine Parabel wahrgenommen wird, die erzählt, was Karriere und beruflicher Erfolg vielen Menschen Tag für Tag abverlangen. Die Parallelen sind schlagend: Sowohl am Anfang einer beruflichen Karriere als auch im Dschungelcamp befinden sich Menschen in einem sozialen System, dessen Regeln vorgegeben und kaum hinterfragbar sind. Sie wollen etwas erreichen – beruflichen Erfolg, eine Karriere die einen, mediale Aufmerksamkeit und Starruhm die anderen. Um dies zu erreichen, müssen sie Aufgaben (Prüfungen) erfüllen, deren Sinn sich häufig nicht erschließt (tatsächlich erleben Mitarbeiter in großen Unternehmen häufig Projekte als sinnlos, wie zahlreiche Erzählungen von Mitarbeitern, die ich gesammelt habe, belegen). Zudem sind sie einerseits der Gunst ihrer Kollegen ausgeliefert, andererseits aber den Entscheidungen und Handlungen einer überinindividuellen Instanz – im Dschungelcamp dem Zuschauervotum, in Unternehmen den Aktivitäten der Führung –, deren Rationalität für sie meist nicht nachvollziehbar ist. Kurzfristige Erfolge werden mit Boni und Incentives (Essen) belohnt, Misserfolge bestraft. Und so weiter.

Die Parabel des Dschungelcamps führt uns vergröbernd verfremdet all die Demütigungen und Regeln vor, denen wir uns auch täglich im Beruf beugen müssen. Wir leiden und lachen mit uns und über uns und schütteln als Zuschauer den Kopf darüber, was wir uns als Berufstätige so alles bieten lassen.

Ein Monat “Claras Schuh”

Seit einem Monat schreibe ich jetzt meine Twitter-Erzählung “Claras Schuh”. Meine wichtigsten Erfahrungen bisher:

1. Es fällt mir sehr schwer, jeden Tag einen Tweet zuschreiben. Meist habe ich am Wochenende die Beiträge für die vergangene Woche nachgeschrieben. Das Problem ist nicht die reine Zeit, die es kostet, einen Tweet zuschreiben, sondern sich genug Aufmerksamkeit im Hirn freizuschaufeln.
2. Ich bin mir noch nicht sicher, welchen Stil der Text annehmen wird. Im Moment schreibe ich (glaube ich) eher in einem mosaikartiken Stil, lauter kleine Schnapschüsse, die nebeneinandergelesen die Narration ergeben. Manchmal habe ich auch einen Satz über zwei Tweets gezogen, bin mir aber nicht sicher, ob das beim Lesen funktionieren wird.

Nun gut, ich experimentiere weiter.

Claras Schuh

Von heute an schreibe ich “Claras Schuh” als Twitter-Story. (Ich weiß natürlich, dass es so etwas schon gibt, ganze Twitter-Romane, aber da ja ohnehin schon alles gesagt ist, nur noch nicht von jedem, probiere ich es einfach auf meine Weise). Die Regeln, die ich mir setzte:
1. Vom 1.1. bis zum 31.12 2014 schreibe ich an jedem der 365 Tage des Jahres eine Fortsetzung in Twitter-Länge.
2. Ich kenne bis jetzt nur die Ausgangssituation (beruhend auf einer Beobachtung vor ein paar Jahren in der U-Bahn). Den weiteren Fortgang der Geschichte überlege ich mir nach und nach.
3. Am 31. 12. ist die Geschichte zu Ende erzählt, mit einem wirklichen Ende, das Schreiber und (hoffentlich) Leser befriedigt.
4. Die Geschichte ist halbwegs interessant und unterhaltsam.
Als Geschichtenerzähler interessiert mich vor allem, ob der tägliche Rhythmus funktioniert, wie man in jeweils 140 Zeichen eine Geschichte voranbringen und dabei mit Zeitlücken und Nullpositionen umgehen kann. Und: Ob es gelingt, eine Geschichte nach und nach zu erfinden und punktgenau am Jahresende zu ihrem Ende zu bringen.
Wir werden sehen. @michael_kurfer  #ClaraS

Das Ende der Geschichte

Jede Geschichte hat ein Ende. Das wusste schon Aristoteles. Jede Geschichte hat aber auch eine Mitte. Differenziert erzählte Geschichten sind wegen ihrer Mitte interessant: Die Entwicklung der Charaktere, ihre Reaktion auf unterschiedliche Situationen, ihre Interaktion mit der Welt fesselt uns an diesen Geschichten. Schematisch erzählte Geschichten sind dagegen vor allem von ihrem Ende her interessant: Wer ist der Mörder? Kriegen sich die Liebenden? Stirbt sie oder überlebt sie? In diesen Geschichten suchen wir vor allem die Antworten auf diese Fragen, und verrät uns ein “Spoiler” das Ende, wird die Rezeption der ganzen Geschichte überflüssig. Eine differenziert erzählte Geschichte fesselt uns dagegen auch noch, wenn wir das Ende schon kennen. Der Sinn der Rezeption liegt nicht im Ende, sondern im Weg dahin begründet. Diese Unterscheidung ist übrigens keine nach Genres: Es gibt differenziert erzählte Krimis wie die von Fred Vargas oder Kate Atkinson, und es gibt schematisch erzählte Romane, die zur “Hochliteratur” gezählt werden, wie manche von Heinrich Böll oder Walter Jens.

Wenn man komplexe Handlungszusammenhänge als Geschichten sieht: Unternehmen sind gewohnt, ihre Projekte ausschließlich vom Ende her zu denken: Die Ziele und ihr Erreichen steht im Mittelpunkt. Der Weg dahin ist Mittel zum Zweck. Die Geschichten, die in Unternehmen gelebt werden, sind also schematische Geschichten. Man könnte aber auch die Perspektive ändern: Die Ziele als Mittel zum Zweck sehen, und die Wege, die gegangen werden, als das Eigentliche, das Interessante. Ziele wären dann nur noch dazu da, sich für bestimmte Wege entscheiden zu können: Im Mittelpunkt steht der Weg und was es auf ihm zu entdecken gibt. So würden Unternehmen differenzierte Geschichten erzählen und hätten die Chance, mitzunehmen, was ihnen am Wegrand begegnet. Das sieht man nämlich nicht, wenn man den Blick starr auf das Ziel gerichtet hält.

Wo ist der Weg zum Erfolg?

Am Wochenende lag die neue Programmvorschau des Campus-Verlags im Briefkasten, mit dem Titel “Wo ist der Weg zum Erfolg?” Das hat mich schon immer brennend interessiert. Zum Glück bieten gefühlte zwei Drittel der in diesem Heft angekündigten Bücher Antworten zu allen Facetten dieser Frage.  “Wie werde ich Spielführer?” fragt Campus gleich nach dem Inhaltsverzeichnis. Dabei geht es nicht um Fußball, sondern um ein Buch “für jeden, der in allen Situationen das Maximale herausholen möchte.” Aber um das zu können, muss ich erst noch etwas “Neues” kennenlernen: Mein “Ich!” Will ich das? Wird das eine angenehmen Bekanntschaft? Oder soll ich  lieber eine handfesterere Strategie verfolgen: “Wie packt man die Zukunft an den Eiern?” Ich zögere – denn gelingt dieser beherzte Zugriff nicht, kommen sicher Zweifel auf: “Bin ich so stark wie meine Idee?” Welche Idee? Ach so: “Denken Sie wild und gefährlich!” – dann kommen die Ideen schon. Dann muss man sich nur noch fragen: “Kann man sein Schicksal lenken?”, um schließlich “Genial glücklich” zu werden. “Nimm das Steuer in die Hand!”, “Raus aus der Erfolgsfalle, rein ins Leben!” – und “Achtung: Dieses Buch wird Ihr Leben verändern!” Verdammt! Am besten gleich alle Bücher bestellen! Nur … eigentlich habe ich gar keine Zeit, sie zu lesen. Aber auch dafür hat Campus eine Lösung, und ich lege noch ein weiteres Buch ganz oben in den Einkaufswagen: “Die Macht der Disziplin”.

(Alle Zitate stammen aus dem “CampusMagazin” Fühjahr/Sommer 2013)