Das Ende der Geschichte

Jede Geschichte hat ein Ende. Das wusste schon Aristoteles. Jede Geschichte hat aber auch eine Mitte. Differenziert erzählte Geschichten sind wegen ihrer Mitte interessant: Die Entwicklung der Charaktere, ihre Reaktion auf unterschiedliche Situationen, ihre Interaktion mit der Welt fesselt uns an diesen Geschichten. Schematisch erzählte Geschichten sind dagegen vor allem von ihrem Ende her interessant: Wer ist der Mörder? Kriegen sich die Liebenden? Stirbt sie oder überlebt sie? In diesen Geschichten suchen wir vor allem die Antworten auf diese Fragen, und verrät uns ein “Spoiler” das Ende, wird die Rezeption der ganzen Geschichte überflüssig. Eine differenziert erzählte Geschichte fesselt uns dagegen auch noch, wenn wir das Ende schon kennen. Der Sinn der Rezeption liegt nicht im Ende, sondern im Weg dahin begründet. Diese Unterscheidung ist übrigens keine nach Genres: Es gibt differenziert erzählte Krimis wie die von Fred Vargas oder Kate Atkinson, und es gibt schematisch erzählte Romane, die zur “Hochliteratur” gezählt werden, wie manche von Heinrich Böll oder Walter Jens.

Wenn man komplexe Handlungszusammenhänge als Geschichten sieht: Unternehmen sind gewohnt, ihre Projekte ausschließlich vom Ende her zu denken: Die Ziele und ihr Erreichen steht im Mittelpunkt. Der Weg dahin ist Mittel zum Zweck. Die Geschichten, die in Unternehmen gelebt werden, sind also schematische Geschichten. Man könnte aber auch die Perspektive ändern: Die Ziele als Mittel zum Zweck sehen, und die Wege, die gegangen werden, als das Eigentliche, das Interessante. Ziele wären dann nur noch dazu da, sich für bestimmte Wege entscheiden zu können: Im Mittelpunkt steht der Weg und was es auf ihm zu entdecken gibt. So würden Unternehmen differenzierte Geschichten erzählen und hätten die Chance, mitzunehmen, was ihnen am Wegrand begegnet. Das sieht man nämlich nicht, wenn man den Blick starr auf das Ziel gerichtet hält.

Wo ist der Weg zum Erfolg?

Am Wochenende lag die neue Programmvorschau des Campus-Verlags im Briefkasten, mit dem Titel “Wo ist der Weg zum Erfolg?” Das hat mich schon immer brennend interessiert. Zum Glück bieten gefühlte zwei Drittel der in diesem Heft angekündigten Bücher Antworten zu allen Facetten dieser Frage.  “Wie werde ich Spielführer?” fragt Campus gleich nach dem Inhaltsverzeichnis. Dabei geht es nicht um Fußball, sondern um ein Buch “für jeden, der in allen Situationen das Maximale herausholen möchte.” Aber um das zu können, muss ich erst noch etwas “Neues” kennenlernen: Mein “Ich!” Will ich das? Wird das eine angenehmen Bekanntschaft? Oder soll ich  lieber eine handfesterere Strategie verfolgen: “Wie packt man die Zukunft an den Eiern?” Ich zögere – denn gelingt dieser beherzte Zugriff nicht, kommen sicher Zweifel auf: “Bin ich so stark wie meine Idee?” Welche Idee? Ach so: “Denken Sie wild und gefährlich!” – dann kommen die Ideen schon. Dann muss man sich nur noch fragen: “Kann man sein Schicksal lenken?”, um schließlich “Genial glücklich” zu werden. “Nimm das Steuer in die Hand!”, “Raus aus der Erfolgsfalle, rein ins Leben!” – und “Achtung: Dieses Buch wird Ihr Leben verändern!” Verdammt! Am besten gleich alle Bücher bestellen! Nur … eigentlich habe ich gar keine Zeit, sie zu lesen. Aber auch dafür hat Campus eine Lösung, und ich lege noch ein weiteres Buch ganz oben in den Einkaufswagen: “Die Macht der Disziplin”.

(Alle Zitate stammen aus dem “CampusMagazin” Fühjahr/Sommer 2013)

Be Maybe

Die Marlboro-Kampagne “Don’t be maybe, be Marlboro” hat jede Menge Kritik einstecken müssen für ihr unbedingtes Bekenntnis zum Rauchen. Vielleicht war es etwas ungeschickt, diesen Slogan ausgerechnet für eine Zigarettenmakre zu benutzen – grundsätzlich sind ja die meisten aktuellen Slogans meist auf beliebige Produkte anwendbar –, den eigentlich ist es ein Slogan, der sehr gut den zeitgeist ausdrückt. Ungefähr so, wie vor einigen Jahren “Geiz ist geil!”

Medienartefakte(I): Das Oktoberfest

Das Oktoberfest ist eine Veranstaltung, die von der Stadt München alljährlich zum Zweck der Tourismusförderung mit äußerst großem Erfolg durchgeführt wird. Von der Konzeption über die Durchführung bis hin zur medialen Aufbereitung ist das Oktoberfest ein Musterbeispiel eines bis in die Einzelheiten durchrationalisierten und -designten Marketingevents. Seine Elemente und Skripte sind denen eines religiösen Rituals nachgebildet: der gemeinsame rituelle Verzehr von flüssigen und festen Speisen etwa dem der Eucharistie (Bier und Brathendl vs Wein und Brot), Entwicklung eines spezifischen musikalischen Codes (Hybridmusik aus Volksmusik und Schlager vs Kirchenmusik), einmalige und wiederholbare Initiationen (Reservierung, Überwinden der Eingangskontrollen vs Taufe, Kommunion), etc. Auch einen eigenen modischen Code haben die Marketingstrategen rund um das Oktoberfest entwickelt (man könnte unter Umständen auch hier eine Nähe zu liturgischen Gewändern sehen): Den vor allem fremdländischen Besuchern des Events werden als adäquate Kostümierung lederne Hosen und tief dekolletierte Schürzenkleider verkauft. Diese Bekleidung basiert auf einem Stil, der um 1900 im Zuge der sogenannten Heimatschutzbewegung als “traditionelle Tracht” kodiert wurde und  bis vor einige Jahrzehnte ein Nischendasein in gewissermaßen semio-ökologischen Gruppierungen fristete, die sich “Gebirgstrachten-Erhaltungsverein” nannten und vornehmlich in abgelegenen Dörfern ihr Biotop fanden. Konnte man bis vor zwanzig Jahren noch mit neunzigprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass ein Träger dieser Tracht, dem man während des Oktoberfestes begegnete, kein Einheimischer war, lässt sich in den letzten Jahren ein interessantes Phänomen beobachten: In einem Prozess der Re-Assimilation tragen immer mehr Einheimische diese Kleidung, in der festen Überzeugung, auf eine gewachsene eigene Tradition zurückzugreifen (was wiederum den Erfolg der Marketingkommunikation der Veranstalter belegt).

In der Konstruktion mediale Bilder aus dem Event wird streng darauf geachtet, unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen: So gibt es etwa Bilder von barbusig auf Tischen tanzenden Besuchern für Zielgruppen mit eher basalen Bedürfnissen, Berichte über Besuche von Prominenten für Zielgruppen mit Wunsch nach sozialer Aufwertung und Berichte über angeblich altes Brauchtum für Besucher, denen vor allem traditionelle Orientierung ein Bedürfnis ist. Kritische Berichte konnten bisher weitgehend verhindert werden; das mediale Bild des Oktoberfests ist ein durchgängig positives, was offenbar auch daran liegt, dass die Medien mit dem Event eine nahezu unerschöpfliche Quelle von kostengünstig umzusetzenden Stoffen gefunden haben.

Eine der Zukunftsaufgaben für die Organisatoren wird es sein, das Eventmodell des Oktoberfests inmnerhalb einer Art Franchisestruktur zu lizensieren und so neue Möglichkeiten der Monetarisierung eines der erfolgreichsten Marketingkonzepte der Welt zu erschließen.

SocialMania

Hier ein Interview mit mir zum Kongress “SocialMania – Medien, Politik und die Privatisierung der Öffentlichkeit” am 21./22. Juni 2012, den ich gemeinsam mit Petra Grimm organisiert habe:

Parlamentarische Kompetenz

Die Affäre um das neue Meldegesetz hat ja sehr schön gezeigt, wie arbeitsfähig unser Parlament in Extremsituationen ist. Ein mediales Großereignis wie die Fußball-EM reicht aus, damit eine Gesetzesformulierung den Bundestag passiert, die (angeblich) so niemand gewollt hat. Wegen eines Deutschlandspiels war kaum ein Abgeordneter da, und die, die da waren, haben offenbar nicht so genau auf die Texte geschaut (wahrscheinlich konzentrierten sie sich auf den Live-Ticker auf ihrem Smartphone). Bei der WM in zwei Jahren sollten wir höllisch aufpassen, dass dem Parlament nicht ein Ermächtigungsgesetzt oder so etwas durchrutscht.

Skandalspielereien

In der Affäre um Christian Wulf kann man sehr schön beobachten, wie Medien und Betroffener gemeinsam einen Skandal konstruieren. Es begann mit einer kleinen Lügegeschichte des Präsidenten, die, von den Medien aufgedeckt, von ihm mit Halbwahrheiten und Ausflüchten angereichert wurde. Die Ungeschicktheit dieser Ausflüchte wirkten wie Aufforderungen an die Medien, weiter nachzubohren; was sie fanden, waren Kleinigkeiten, deren Enthüllungen der Präsident wiederum mit juristischen Spitzfindigkeiten konterte. Die ganze Zeit verhielt sich Wulf so, als wolle er das Spiel mit den Medien weiterspielen und nicht beenden. Was dabei ganz nebenbei entstand, ist das Bild eines kleinen, verdrucksten Menschen auf dem Präsidentenposten, der zur Angstbeißerei neigt. Das Urheberrecht an diesem Bild haben Wulf und die Medien zu gleichen Teilen.

Umdeutungen

Die Guttenberg-Plagiats-Affäre liefert schöne Beispiele für den Umgang von Politikern mit der Realität. Nur zwei davon:

  1. Guttenberg entschuldigt sich für die Fehler in seiner Dissertation damit, dass das Anfertigen der Arbeit neben seiner Abgeordnetentätigkeit und den Belastungen als junger Familienvater einer “Quadratur des Kreises” gleichgekommen sei. Wir die meisten Gymnasiasten wissen, ist jeder Versuch einer  Quadratur des Kreises von vorneherein zum Scheitern verurteilt; jeder halbwegs vernünftige  Mensch würde davon die Finger lassen. Nicht so der Politiker: Er versucht das Unmögliche – und fordert auch noch Anerkennung dafür, oder wenigstens Verständnis für die Fehler, die ihm beim Versuch, das Sinnlose zu tun, naturgemäß unterlaufen.
  2. Bundeskanzlerin Merkel kommentierte laut der “Süddeutschen Zeitung” von heute die Aberkennung des Doktorgrades durch die Universität Bayreuth mit folgenden Worten: “Die Entscheidung der Uni Bayreuth liegt auf der Linie dessen, was der Verteidigungsminister vorgegeben hat. Sie macht daher Sinn.” Also: Politiker geben vor, andere entscheiden dann gemäß dieser Vorgabe – dann, und nur dann entsteht “Sinn”. So wird der “Verteidigungsminister” vom Erleidenden einer Handlung (der Entscheidung der Uni) zum Handelnden umgedeutet: Sinn macht die Entscheidung der Uni ja nur, weil sie der vorgegebenen Linie folgt. Damit macht Merkel einen Wesenszug realen politischen Agierens deutlich: Politik besteht darin, alles, was eben so passiert als eigenes Handeln zu interpretieren – wenn es einem denn in den Kram passt.

Lockere Beziehungen

Was ich an sozialen Netzwerken sehr schätze: Dass man mit Menschen in Beziehung treten kann, ohne sie kennenlernen zu müssen.

Medien-Stammtisch

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe in einem immerhin zweispaltigen Artikel, dass sich Niki Lauda über den Auftritt eines homosexuellen Paares in einem Fernseh-Tanzwettbewerb erbost habe. Er habe nichts gegen Schwule, aber der Auftritt von Schwulen im Fernsehen widerspreche “guten Traditionen in unserer Kultur”, so kurz zusammengefasst die Meinung des ehemaligen Rennmeisters und Bruchpiloten. Eine Meinung, die er, so ist zu befürchten, mit vielen anderen oberhaiderischen oder hinterwäldlerischen Landsleuten teilt. Die Frage ist nur: Warum berichtet die Süddeutsche darüber? An der Qualität der geäußerten Meinung kann es nicht liegen – sonst müsste das Blatt ja seine Seiten tagtäglich mit den Geisteserzeugnissen nationaler und internationaler Stammtische füllen. Woran sonst? Daran, dass der Inhaber dieser Meinung ein “Promi” ist, ein “Star”, der berühmt wurde, weil er sehr gut im Kreis herum Auto fahren kann? Heißt das Motto: Ich bin ein Star, berichtet über mich – egal ob ich Kakerlaken fresse oder Unsinn verzapfe? Die Zeitung hätte dann in erster Linie die Rolle eines medialen Promi-Stammtisches. Eine Rolle, die einige Medien ja bereits vollständig übernommen haben – und andere anscheinend sich gerade  anschicken, zu übernehemen.