Christliche Leitkultur?

Schon seit längerer Zeit, spätenstens aber seit der Rede von Bundespräsident Christian Wulf im letzten Oktober, wird nicht nur von Konservativen häufig die “christlich geprägte Leitkultur”  beschworen, von der Deutschland, ja ganz Europa geprägt sei und an die sich Migranten und andere Fremdlinge anzupassen haben. Nun ist es unbestritten, dass das Christentum und christliche Realitäts- und Wertvorstellungen über viele Jahrhunderte Europa geprägt haben. Doch wir hatten in Europa auch die Aufklärung, in der man sich – zumindest ideengeschichtlich – von der Vorstellung “ein Volk, ein Glaube” verabschiedet und dafür Ideen wie die von der Religionsfreiheit und dem säkularen Staat entwickelt hat – auch wenn letztere in Deutschland und anderen Staaten nie wirklich umgesetzt wurde. Und wenn es etwas genuin europäisches gibt, dann sind es eben die Ideen der Aufklärung, die auch Toleranz gegen Andersdenkende und eine Haltung des “Weltbürgertums” einschließen. Zu einer Religion kann man sich schnell mal bekehren, aber Aufklärung ist harte Arbeit: Den anderen denken lassen, was er will, ihn nach seiner Facon selig werden lassen, solange er niemanden damit belästigt. Anstatt also von “christlicher Leitkultur” zu faseln, sollten wir lieber die Werte der Aufklärung hochhalten und endlich ernst machen mit einer säkularen Gesellschaft, in der Religion reine Privatsache wäre. Ein erster Schritt dahin wäre es zum Beispiel, den Religionsunterricht an Schulen durch ein Fach “Philosophie- und Religionsgeschichte” zu ersetzen, in dem der Nachwuchs neutral kennenlernen kann, was man bei den Christen, Moslems, Buddhisten so alles glaubt, aber auch was Platon, Spinoza, Kant oder Wittegenstein zum Wissen der Welt beigetragen haben. Neben den katholischen und evangelischen Religionslehrern auch noch islamische auf die Kinder loszulassen, wie es zur Zeit geschieht, ist ein Signal genau in die falsche Richtung, auch wenn es manchem Gutbürger als Beweis gelungener Integration erscheinen mag.

Kommunikationsverweigerung

Um es gleich vorweg klarzustellen: Ich teile Thilo Sarrazins Ansichten zur Abschaffung Deutschlands in keiner Weise, ich halte sie für ein Beispiel dafür, wie man trotz aller benutzter Statistken zu ebenso seltsamen wie abseitigen Weltkonstruktionen kommen kann, die noch dazu daran kranken, dass Sarrazin offenbar Intelligenz mit Schulbildung und sozialem Status verwechselt. Die Art und Weise, wie mit diesen Thesen in der Politik und teilweise in den Medien umgegangen wird, halte ich jedoch für bezeichnend für deren Kommunikations-“Kultur”: Es ist in weiten Strecken nicht eine Kultur der Diskussion und Auseinandersetzung, sondern eine der Ausgrenzung. So fällt der SPD zum Beispiel nichts anderes ein, als ein Parteiausschlussverfahren gegen ihr Mitglied Sarrazin anzustrengen, und das nicht enmal wegen seiner Hauptthesen, sondern wegen seines in einem Interview geäußerten dummen Spruchs über jüdische Gene. Am deutlichsten aber war diese Ausgrenzungskultur Anfang der Woche in der Talkshow “Beckmann” zu beobachten: Wie da der Moderator allein schon durch seine Körpersprache Sarrazin buchstäblich die kalte Schulter zeigte, ihn mit vor Ungeduld zitternder Stimme unterbrach, sich nur den anderen Gutmenschen in der Diskussionsrunde zuwandte, war ein Musterbeispiel medialer Verweigerung von Kommunikation bei gleichzeitiger Kommunikationssimulation. Sowohl dem medialen System, für das Beckmann steht, als auch dem politischen, durch die SPD und ihren Vorsitzenden Gabriel repräsentiert, fehlt offenbar das Selbstbewusstsein, das für die Auseinandersetzung auch mit anrüchigen oder sogar gefährlichen Thesen wie denen Sarrazins nötig wäre.

Die Sprache blecken

Bild_Stiftung_IntegrationEine Sprache nennt man manchmal etwas altertümlich auch eine Zunge: “In deutscher Zunge sprechen”. Die Stiftung Integration, die offenbar für das Erlernen der deutschen Sprache wirbt, hat das ganz wörtlich genommen und als Bild für die deutsche Sprache eine schwarzrotgolden bemalte Zunge gewählt, die ein junger Mann herausstreckt. Die Zunge herauszustrecken gilt normalerweise als ein Akt des Verspottens oder Verächtlichmachens. Wenn also die deutsche Sprache mit der bemalten Zunge gleichgesetzt wird, dann auch das Sprechen dieser Sprache mit einem Akt der Beleidigung. Soll man also wirklich eine Stiftung unterstützen, die dazu auffordert, Deutsch zu lernen, um besser beleidigen zu können? Vielleicht vor allem dabei, eine neue Werbeagentur zu finden.

Mythen der Macher (3): Ziele

Ziele gehören zu den im heutigen Management- und Unternehmensalltag am meisten überschätzen Konzepten: Ein guter Teil aller Besprechungen und Gespräche drehen sich um Ziele – von Zielklärungsworkshops, Zieldefinitionen bis hin zu Zielerreichungsgesprächen, von denen das weitere Fortkommen der Mitarbeiter abhängig gemacht wird. Dabei haben Manager ihre Ziele immer so fest im Blick, dass sie links und rechts nichts mehr sehen können. Da mögen sich tausend Rahmenbedingungen ändern – mit zusammengebissenen Zähnen werden die einmal gesetzten Ziele verfolgt, wie unsinnig sie auch mittlerweile geworden sein mögen. Und Erfolg misst man ausschließlich daran, ob diese Ziele erreicht wurden. So entsteht Starrheit, Unflexibilität und die Unfähigkeit, auf neue Herausforderungen schnell reagieren zu können.

Natürlich braucht man Ziele. Ziele sind nützliche Konzepte, um Wege gehen zu können. Ziele sind Mittel, nicht Zweck. Man braucht ein Ziel, um sich für einen bestimmten Weg entscheiden zu können. Geht man dann diesen Weg, ist es wichtig, auf seine Herausforderungen zu reagieren; wer immer nur das Ziel im Auge hat, stolpert leicht mal über eine versteckte Wurzel. Und wenn der Weg es verlangt, sollte man jederzeit bereit sein, das Ziel über Bord zu werfen und sich ein neues auszudenken. Oder einfach einmal eine Zeit lang dem Weg vertrauen, gespannt, wo er einen hinführt. Dann könnte man Erfolg nach dem Weg, der zurückgelegt wurde, messen – und nicht danach, ob irgendwelche Ziele, die irgendwer irgendwann einmal gesetetzt hat, erreicht wurden.

Tröstliche Trostlosigkeit

Am Donnerstag bei der Eröffnung der Ausstellung “Die Farbe grau” des Berliner Fotokünstlers Michael Schmidt im Haus der Kunst: Ich gehe an den Bildern entlang und bin erst einmal wieder geplättet von der Intensität, mit der Michael Schmidt die banale Trostlosigkeit von Orten, auch von Menschen an Orten, in Bilder fasst. Diese Trostlosigkeit befällt auch mich, gleichzeitig aber eine tröstliche Einsicht: Ja, so sieht die Welt eben auch aus, lass es einfach so, such nicht nach dem herausragenden Erlebnis oder dem Schönen. Der Trost der Banalität, die Erleuchtung ist das alltägliche Leben. Ich erlebe die tröstlichen Trostlosigkeit, die die Bilder vermitteln. Ein Paradox! Nach George Spencer Brown ist ein Paradox das ständiges Hin- und Heroszilieren zwischen zwei sich eigentlich ausschließenden Werten, und genau das ist es, was – wie ich denke – die Bilder Michael Schmidts auf geniale Weise herstellen. Spencer Brown nennt die Werte solcher Paradoxa “imaginär”. Was kann ein Bild (imago) mehr erreichen, als einen in diesem Sinne imaginären Wert zu vermitteln und damit unsere  ja/nein-, wahr/falsch-Konstruktion zumindest für den Augenblick des Betrachtens der Bilder zu transzendieren?

Mögliche Manifeste (1): Für eine autofreie Stadt!

Wir werden überrollt von einer Lawine aus Blech! Fahrende Autos zerstören mit Lärm und Gestank unsere Lebensqualität! Parkende Autos verwandeln unsere Straßen in Hindernisparcours mit dem Charme von Schrottplätzen! Wir lassen es uns bieten, dass die übel aussehenden und schlecht riechenden Blechkisten überall die Schönheit, die Zugänglichkeit, die Sicherheit und die Menschlichkeit unserer Städte zerstören!

Deshalb fordern wir: Raus aus den Städten mit den Autos! Am Beispiel Münchens: Innerhalb des Mitteleren Rings absolutes Verbot für Autos; Lieferungen sind für gewerbliche Zwecke und nach Sondergenehmigung bis 10 Uhr morgens möglich. Außerhalb des Mittleren Rings werden auf Freiflächen große Parkhäuser gebaut, in denen diejenigen Münchner, die unbedingt meinen, ein Auto besitzen zu müssen, ihre Fahrzeuge gegen eine so hohe Gebühr abstellen können, dass sich nicht nur der Bau der Parkhäuser binnen weniger Jahre amortisiert, sondern zusätzliches Geld für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt eingetrieben wird.

Nieder mit dem Blech! Es lebe der Fußgänger!

Die Tür geht auf!

Anfang des Jahres hat Union Investment eine geschlossene Türe auf die grüne union_zweiWiese gestellt (vgl. den Webworte-Beitrag von 25.1.2010). Seit ein paar Wochen steht diese Tür nun offen. Davor steht en junges Paar und kann genau sehen, dass hinter der Türe tatsächlich nichts anderes ist, als davor: Gras, Bäume, Himmel. Wenn sie schon nicht in der Lage waren, einfach um die Tür herumzugehen, warum merken sie dann nicht wenigstens jetzt, dass das Versprechen von Union Investment ein leeres ist: Wenn man der Einladung des Unternehmens folgt, geschieht – nichts! Hält Union Investment seine Kunden tatsächlich für so beschränkt, dass sie trotz dieses leeren Versprechens die Fonds des Unternehmens kauft? Oder hat da mal wieder keiner nachgedacht bei der Konzeption der Werbung?

Mythen der Macher (2): Etwas bewegen

Werden Führungskräfte befragt, was ihnen in Ihrem Job besonders wichtig ist, rangiert eine Antwort meist ganz oben: Etwas bewegen können. Gemeint ist damit: Etwas ändern können, Entscheidungen treffen können, die zu Veränderungen führen. Interessant dabei ist, dass mit dieser Antwort die pure Aktion fokussiert wird, nicht der Inhalt der Aktion. Wahrscheinlich wird deshalb in Unternehmen so viel verändert und umorganisiert, ohne dass dadurch etwas anderes als Veränderung entsteht – meistens zumindest keine Verbesserungen. Wer das nicht glaubt, sollte Mitarbeiter großer Unternehmen und solche Führungskräfte, die selbst gerade nicht bewegt haben, sondern bewegt wurden, über ihre Einschätzung der letzten Umorganisationen befragen. Das Ziel, immer und überall “etwas bewegen” zu wollen, wertet die pure Veränderung als positiv – und so werden auch funktionierende Systeme so lange bewegt, bis nichts mehr klappt und man um eine weitere Umorganisation nicht mehr herumkommt. Vielleicht sollten Unternehmen einmal damit experimentieren, nicht diejenigen Führungskräfte zu belohnen, die möglichst viel Wind machen, sondern diejenigen, die erst einmal schauen, zuhören, warten – und dann nur das verändern, was nicht funktioniert.

Mythen der Macher (1): Leistungsträger

Leistung muss sich wieder lohnen, hört man zur Zeit landauf, landab, und es ist auch viel von “Leistungsträgern” die Rede. Wenn sich etwas lohnt, ist in unserer Kultur meist gemeint, dass es sich finanziell auszahlt; Leistung muss also, soll sie sich lohnen, mit Geld entlohnt werden. Das Sprechen von “Leistungsträgern” zeigt, dass Leistung so etwas ähnliche wie ein Kleidungsstück oder ein Gepäckstück ist; beides kann man tragen. Leistungsträger ziehen also entweder Leistung an, oder schleppen sie mit sich herum. Vermutlich existieren auch zwei Kategorien von Leistungsträgern: solche, die sich mit Leistung schön kleiden, und solche, die sich damit abschleppen. Zumindest zu letzterem ist Energie nötig, und die Physik definiert Leistung ja als den Quotienten aus aufgewendeter Energie und der dafür verbrauchten Zeit. Anders gesagt: Leistung ist energischer Zeitverbrauch. Dies korrespondiert mit der Selbsteinschätzung von Leistungsträgeren: Wertet man ihre Äußerungen in Interviews, Artikeln etc. aus, stellt man fest, dass sie besonders stolz auf ihre 16-Stunden Tage sind. Sehr viel Zeitverbrauch also. Damit man diesen nicht einfach nur als “Trödeln” oder “Langsamkeit” bezeichnet, wie es häufig als für Nicht-Leistungsträger typisch beschrieben wird, ist nach der Definition nötig, dass der hohe Zeitverbrauch bei Leistungsträgern auch mit hoher Energie zu geschehen hat

Halten wir fest: Der Leistungsträger ist also jemand, der

  1. seine Leistung mit sich herumschleppt oder sich mit ihr schmückt, oder beides,
  2. viel Zeit mit höchster Energie verbraucht, und
  3. für diesen energischen Zeitverbrauch (meist gut) finanziell entlohnt wird.

Resultate oder Ergebnisse des energischen Zeiverbrauchs spielen dagegen für die Definition des Leistungsträgers offenbar keine Rolle; auch diejenigen, deren Zeitverbrauch negative Auswirkungen zeitigt, wie zum Beispiel Banken- und Firmenpleiten oder Finanzkrisen, verlieren dadurch nicht das Prädikat des Leistungsträgers, wie die nach wie vor sehr gute finanzielle Entlohnung beweist.

Die Kunst, nicht zu lehren

Eine Meldung heute in der SZ: Funktioneller Analphabetismus ist immer noch weit verbreitet. Was ich mich dabei frage: Wie schafft es eigentlich die Schule, Menschen acht oder neun Jahre bei sich zu beherbergen und ihnen nicht einmal das Grundlegende beizubringen? Seit Jahrzehnten werden immer die gleichen Gründe angeführt, ohne dass sich etwas ändert: Zu große Klassen, zu viel Druck, zu volle Lehrpläne. Lassen wir einmal die großen Klassen beiseite, dahinter steckt auch ein finanzielles Problem. Aber  die Lehrpläne könnte man – ohne Mehrkosten –, sagen wir einmal, um zwei Drittel abspecken, dann stünden die Lehrer nicht mehr unter Druck und könnten auch sogenannten schwächeren Schülern mehr Zeit widmen. Warum geschieht das nicht? Vermutlich, weil hinter den vollen Lehrplänen ein antiquierter Wissensbegriff steckt, der reine Quantität an Wissen für wertvoll hält, und der in einer Informationsgesellschaft komplet unbrauchbar geworden ist und nur noch im Fernsehquiz zum Erfolg führt. “Wer wird Millionär” führt diesen Wissensbegriff ja vor: Wer möglichst viel weiß, gilt hier als Genie. Da die weltweit verfügbaren Wissensmengen exponentiell wachsen, läuft die Schule wie der Hase dem Igel einem nicht erreichbaren Ziel hinterher: Es wird ihr nie mehr gelingen, “genug” Wissen zu vermitteln. Und der Versuch, trotzdem immer mehr an Wissen in die Lehrpläne zu stopfen, führt paradoxerweise zur Verdummung der Schüler: Hilflos schwimmen sie in einem Ozean nicht zusammenhängender Wissensbrocken und lernen vor allem eines – nämlich nichts zu lernen.

Natürlich sollte die Schule Faktenwissen vermitteln; genügen würde etwa ein Drittel von dem, was sich ein heutiger Schüler bis zum Abitur einverleiben muss. Die freiwerdende Zeit könnte dann dafür genutzt werden, die Kompetenzen zu schulen, ohne die ein Überleben in einer Wissensgesellschaft nicht mehr möglich ist: Logisches und kreatives Denken, Wissen und Fakten finden, gewichten und ordnen. Aber solange die Kultusministerien letzteres selbst nicht können, ist die Chance, das im Schulunterricht verwirklicht zu sehen, wohl äußerst gering.