Ozymandias

Heute ein Beitrag unseres Gastautors Percy Bysshe Shelley:

I met a traveller from an antique land,
Who said: “Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert… Near them, on the sand,
Half sunk, a shatterd visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them, and the heart that fed;
And on the pedestal these words appear:
‘My name is Ozymandias, king of kings;
Look on my works, ye Mighty, and despair!’
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare,
The lone and level sands strech far away.”

Was ist Humor, und was ist ein KZ?

Wie diese Woche durch die bayerische Presse ging, gab es einen Skandal um eine Passage der traditionellen kabarettistischen Bußpredigt beim Starkbieranstich am Münchner Nockherberg. Der Prediger Michael Lerchenberg hatte über Guido Westerwelle gesagt: “Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumherum ein großer Stacheldraht – hamma scho moi g’habt. Dann gibt’s a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Lettern: ‘Leistung muss sich wieder lohnen'” (zitiert nach SZ vom 6./7.3.2010).

Als erste protestierte reflexhaft Charlotte Knobloch, dann die anderen secundum ordinem. Zwei Reaktionen seien herausgegriffen, da sie zu tieferen Fragen aufrufen. Christine Haderthauer, bayrische Sozialministerin und wegen ihrer großen Klappe von Lerchenberg als “Daisy Duck” bezeichnet, kündigte an, den Nockherberg zu boykottieren, wenn die Fastenpredigt nicht zu ihrer ursprünglichen “humorvollen Form” zurückfände. Die Frage ist: Was ist hier mit “Humor” gemeint? Billiges Lachen über wohlfeile Scherze, wie man sie aus den Comedy-Sendungen im Privatfernsehen kennt? Dann sollte man unbedingt Mario Barth zum nächsten Fastenprediger machen. Oder darf Humor auch mal ein wenig weh tun, darf einem auch einmal das Lachen im Hals stecken bleiben – wenn nur der Witz ein Körnchen Wahrheit ausdrückt? Und ist nicht die Tatsache, dass Pauschalurteile über ganze Bevölkerungsgruppen, wie Westerwelle eines über die Hartz-IV-Empfänger gefällt hat, letztlich einem strukturellen Argumentationstypus angehören, der die Juden einst ins KZ gebracht hat, ein solches Körnchen Wahrheit?

Der Text der Fastenpredigt war sowohl der veranstaltenden Paulaner-Brauerei als auch dem BR zuvor vorgelegt worden; allerdings änderte Lerchenberg zwei Stellen in der Lifefassung: Anstatt dem Wort “Zaun” in der Schriftfassung sagte er beim Auftritt “Stacheldraht”, und das “hamma scho moi g’habt” fügte er spontan ein. Die Schriftfassung wurde von niemandem beanstandet. Ein Sprecher der Paulaner-Brauerei behauptete nun, die KZ-Anlaogie habe sich erst in der vorgetragenen Version erschlossen, nicht in der Schriftfassung. Bedeutet das, dass bei der Beschreibung eines straflagerähnlichen Gebildes, über dessen Eingang ein Sinnspruch in eisernen Lettern steht und das bewacht wird von Braun-, verzeihung, Gelbhemden, niemandem eine KZ-Analogie in den Sinn habe kommen können? Das ist wirklich lustig, und vielleicht ist es ja so, dass der wahre Humor vor und nicht auf der Bühne stattfindet. Dann wäre es doch sicher eine gute Idee, unsere Leistungsträger (zu denen wir aus Freundlichkeit ruhig auch mal die Politiker rechnen), auf dem Nockherberg sich selbst derblecken zu lassen – sie machen das ja ohnehin mit viel unfreiwilligem Humor das ganz Jahr über recht gut!

Wie man die Seiten einer Zeitung füllt

Im Folgenden wird ein idealtypisches Vorgehen beschrieben, das natürlich auf andere Themen und Medien leicht übertragbar ist:

  1. Man lobe das Buch einer jungen Autorin über den grünen Klee; Stichworte: Wunderkind, Genie, Drogen, exzessives Leben, Normverstöße, Authentizität, Stimme ihrer Generation. (1/4 Seite)
  2. Man lasse diesem Lob in den nächsten Tagen Porträts der Autorin bzw. Reportagen über ihr Leben in Berlin folgen. (1/2 bis 1 Seite)
  3. Sollte sich dann glücklicherweise herausstellen, dass einige Passagen dieses Buchs aus einem anderen abgeschrieben sind, erhebe man ein großes Geschrei über Plagiat und geistigen Diebstahl; aus Gründen der Selbstachtung lässt man diese Artikel einen anderen Journalisten schreiben, nicht den Verfasser der ursprünglichen Jubelkritik. (1/4 Seite)
  4. Hat man dann das Glück, dass die Autorin selbstbewusst auf den Plagiatsvorwurf mit Verweis auf Techniken wie Remix, Sampling, Objet trouvé etc. reagiert, schlägt die große Stunde der Experten aus Popmusik, Kunst und Literatur, die diese Begriffe erklären dürfen; außerdem werden auch noch historische Fälle der Verwendung von Quellen ans Licht gezerrt: Hat nicht schon Büchner seinen “Lenz” aus den Notizen des Pfarres Oberlin geschöpft? (1/2 bis 2 Seiten)
  5. Parallel dazu kann man auch noch den Autor, von dem die Autorin abgeschrieben hat, interviewen, wie er denn das ganze finde. (1/2 Seite)
  6. Und wenn man Glück hat, gewinnt in zwei Wochen die Autorin den Preis der Leipziger Buchmesse, und alles kann noch einmal aufgewärmt werden.

Fragen

Warum macht er das? Wieso lassen sie ihn nicht? Was bedeutet das? Was wird als nächstes passieren? Wo kommt das alles her? Warum schauen die so blöd? Hat das schon mal einer gemacht? Wird das nochmal passieren? Kann er das nicht sein lassen? Wie geht das überhaupt? Fängt das jetzt wieder an? Kann da nicht mal einer was machen? Was ist das für ein Schmarrn? Was machen die überhaupt? Kann man das so lassen? Wie soll das weiter gehen? Warum? Wie ist er auf die Idee gekommen? Und können jetzt alle mal ruhig sein?

Westerwelle

Warum wundern sich eigentlich alle über Westerwelles Vergleich des Sozialstaats mit der Dekadenz im alten Rom? Er gibt doch nur die Haltung wieder, die die FDP schon immer hatte.

Axotrottel

In einer Art Massenhysterie hat fast die gesamte deutsche Literaturkritik das Debüt einer 17jährigen mit dem Titel “Axolotl Roadkill” zum Meisterwerk erklärt, die Autorin zur Stimme ihrer Generation. Liest man ein paar Seiten dieses Buchs, kommt man nicht mehr heraus aus dem Staunen – über das Urteil der Kritiker: Pubertätsprosa reinsten Wassers ist es, was Helene Hegemann da verfasst hat, eine junge Frau, die – auch das merkt man beim Lesen – begabt ist und vielleicht in zehn Jahren einmal ein gutes Buch schreiben wird. Ich dachte zunächst, die Kritiker, die “Axolotl” so “authentisch”, “klug” und “sprachgewandt” fanden, seien alte, in Staub ergraute Kerle, die beim Gedanken an eine 17jährige Literatur-Lolita ins geistige Sabbern geraten – aber nein, auch die weiblichen Kritiker waren Teil der Hysterie. Doch dann kam heraus, dass Hegemann Teile ihres Opus aus fremden Quellen geschöpft hatte – und jetzt stehen in den gleichen Zeitungen, aber mit anderen Namen unterzeichnet, Artikel, deren Verfasser schon immer gewusst hatten, wie schlecht das Buch sei. Arme Helene Hegemann, deren jugenliche Naivität die Bewohner des Narrenkäfigs deutscher Literaturkritik schamlos für ihre Unsinnsproduktion ausgenutzt haben! Ich hoffe sehr, dass sie trotzdem noch die Kraft haben wird, in zehn Jahren ein gutes Buch zu schreiben.

Typen, denen ich heute beim Laufen begegnet bin

Heutige Begegnungen, in chronologischer Reihenfolge:

  • Die Kamikaze-Kindsmutter: Fährt rückwärts aus der Straße in eine Kreuzung, löst Notbremsungen und ein Hupkonzert aus, rast dann etwa 100 Meter um den Block, um an der Grundschule ihr Kind auszuladen; ich verstehe, dass das riskante Manöver ihr einen Umweg von etwa 200 Metern erspart hatte. (07:40 Uhr)
  • Die Schüler-Phalanx: Eine Gruppe Schüler, die den ganzen Gehweg einnehmend mir entgegen kommt und für Spannung sorgt, indem sie erst in letzter Minute eine Lücke für mich frei macht. (07:45 Uhr)
  • Der BMW-Jogger: Beschleunigt, sobald er jemanden überholen kann, läuft immer links. (07.55 Uhr)
  • Der Mercedes-Jogger: Läuft immer rechts, langsam, behäbig, aber raumfüllend, heute sogar in Begleitung. (08.00 Uhr)
  • Der Volvo-Jogger: Mit neonroter Sicherheitsjacke und Herzfrequenz-Messgerät. (08.01 Uhr)
  • Die Anthropomorphistin: Wünscht ihrem niesenden Hund “Gesundheit!” (08.05 Uhr)
  • Der Loko-Man: Stößt beim Laufen rhythmisch und weithin hörbar Luft aus; klingt wie ein Kind, das Dampflokomotive spielt. (08.09 Uhr)

Gestern in Highdlbörg…

… hatte ich einen Termin. Also stieg ich am Bahnhof in ein Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse. Sofort legte sich sein Gesicht in tiefe Falten des Nachdenkens, und er murmelte gebetsartig, aber in Frage-Intonation, unablässig den Namen der Straße vor sich hin. Als er dann begann, mit dem Finger wild auf sein Navigationsgerät einzustechen und sich zum dritten Mal nach der richtigen Schreibweise des Straßennamens erkundigte, erbarmte ich mich seiner und erklärte ihm, wo ungefähr er die Straße finden könne; ich wußte das, weil ich schon einmal hier gewesen war, im Sommer und ohne die Dienste des Heidelberger Taxigewerbes in Anspruch zu nehmen. Unsicher wie ein Tourist vom Land, der sich zum ersten Mal in die große Stadt wagt, fuhr mein Fahrer in die gewiesene Richtung. Dann realisierte er plötzlich, wo sich die gesuchte Straße befand – und begann in bitteren Worten zu jammern: Dass er eine Stunde gewartet habe, und nun diese winzig kurze Strecke! Ich reagierte ein wenig unfreundlich auf diese Tirade und beruhigte mein schlechtes Gewissen dann mit einem zu hohen und völlig unverdienten Trinkgeld.

Ähnliches passiert mir öfter – nicht nur in Heidelberg. In Düsseldorf hat sich neulich ein Taxifahrer großräumig verfahren, und ich kam 20 Minuten zu spät zu meinem Termin. Als ich mich bei meiner Gesprächspartnerin mit den Worten entschuldigte, der Taxifahrer habe sich verfahren, sah ich ihrem Gesicht an, dass ich mir ihrer Meinung nach kaum eine dümmere Ausrede hätte einfallen lassen können (aus dem gemeinsamen Geschäft wurde dann auch nichts). Und in Rosenheim, einer Kleinstadt, die er gerade mal auf ein paar Dutzend Straßen bringt, musste ich einer Taxifahrerin den Weg zum Krankenhaus erklären. Vielleicht sollte man, statt immer nur die armen Kinder zu zwiebeln, einmal einen Pisatest bei Taxifahrern durchführen – hier scheint doch ein Bildungsnotstand zu herrschen, der uns alle Tag für Tag aufs neue betrifft!

Gier (Xenie)

Sie geißeln die Gier mit zwei Filmen von Wedel im Fernsehen,

getrieben allein von der Gier nach den Quoten sie selbst!

Die Tür ins Leere

Ein Paar geht am Seeufer spazieren. Vor ihnen baut union_investmentsich eine geschlossene Tür auf. Als Betrachter des Bildes sehen wir, was das Paar vermutlich noch nicht weiß: Dass hinter der Tür nichts anderes ist als vor ihr; die Tür ist als reines Hindernis in die Landschaft gestellt. Dabei verspricht der Text unter dem Bild: “Treten Sie ein und kommen Sie Ihren Wünschen ein Stück näher. Mit Fonds von Union Investment.” Wie das Bild zeigt, kann dieses Versprechen nur dann funktionieren, wenn der einzige Wunsch, den man hat, der ist, dass alles so bleibt, wie es ist. Denn eigentlich sagt Union Investment: “Wenn du durch diese Tür gehst, passiert – nichts!” Ist diese Anzeige Ausdruck einer neuen Bescheidenheit? Ist das Unternehmen zum Zen-Meister unter den Fondsmanagern geworden, der den Weg zur reinen Leere zeigt? Oder hat Union Investment aus der Finanzkrise die Lehre gezogen, dass Rendite-Versprechen realistisch zu halten sind? Und was könnte heute realistischer sein, als Nichts zu versprechen?