Was wollen die erzählen? Alarm!

Spätestens seit die Schweinegrippe-Pandemie erst groß angekündigt wurde und dann ausgeblieb, schlagen die Medien Alarm: Grassierenden Alarmismus entdecken sie – in den Medien. Und sie haben recht, nicht wahr? Kaum sinken die Temperaturen unter fünf Grad minus veranstaltet der ARD um 20.15 Uhr einen Brennpunkt, in dem zehn oder 15 Minuten lang mit großem semiotischen Aufwand (“sibirische Kälte”) nichts gesagt wird, als dass es kalt ist. In anderen Fällen: Dass man auch noch nicht mehr weiß, als vorher in der Tageschau vermeldet. Fast freut man sich schon, wenn es mal eine echte Katastrophe gibt, über die gebrennpunktet wird. Aber auch die Printmedien beteiligen sich wacker: All die gefährlichen Seuchen – Rinderwahn, Schweinepest, Vogelgrippe, Schweinegrippe – die unsere Breiten in den letzten Jahren heimgesucht haben! Unsere Jugend, die in Gewalt und Stumpfsinn verstrickt ist! Umwelt- und sonstige Katastrophen, die uns die Luft zum Atmen nehmen! Armut, die überhand nimmt! Ganz zu schweigen von Krisen des Sinns, des Glaubens, des Bürgersinns, von denen wir immer wieder gebeutelt werden. Wenn spätere Archäologen einmal ein Medienarchiv des beginnenden 21. Jahrhunderts ausgraben und in ihrer Naivität glauben, es handle sich dabei um Texte und Bilder, die die Realität abbilden: Sie müssten glauben, wir lebten in der schlechtesten aller möglichen Welten.

Aber ist nicht der Alarm über den Alarmismus der Medien selbst so naiv wie die Annahmen der hypothetischen künftigen Archäologen? Ist es nicht eigentlich Geschäft und Bestimmung der Medien, Aufmerksamkeit zu erregen? Und wodurch ist dies besser, effizienter und nachhaltiger zu erreichen als durch Katastrophen- und Alarmmeldungen? Vielleicht glauben wir nur fälschlich, es sei (unter anderem) Aufgabe der Medien, Realität abzubilden. Vielleicht haben sie ja einfach nur die Funktion der Gruselgeschichten übernommen, die man sich an den vielbeschworenen langen Winterabenden am Kamin erzählte: Ein wohliges kollektives Schaudern darüber hervorzurufen, was einem in Wirklichkeit alles erspart bleibt.

Take the money and run!

Gierig sind sie sowieso: Als Protagonisten eines Systems, das auf quantitative Maximierung aus ist, muss Gier ja eine der Kardinaltugenden sein. Aber was sich in der Tatsache offenbart, dass Manager trotz Krise und staatlicher Unterstützung ihrer Unternehmen ungerührt Millionen-Boni kassieren, ist weniger ihre ohnehin allgegenwärtigen Gier als ihr gewaltiger Mangel an sozialer Intelligenz. Denn besäßen unsere Spitzenmanager nur einen Bruchteil der sozialen Intelligenz, die jeder Karriereratgeber als angebliche Voraussetzung für eine Unternehmenskarriere postuliert, müssten sie spüren, dass man sich in Zeiten, in denen Steuerzahler die Wirtschaft alimentieren, zumindest ruhig verhalten sollte und vielleicht die Bonizahlung auf spätere Zeiten verschieben. Aber vielleicht fehlt ja Spitzenmanagern nicht nur die soziale, sondern auch ein gewaltiges Stück der restlichen Intelligenz: Wenn man die unverfrohrene Selbstverständlichkeit betrachtet, mit der sie auf die Boni als ihr natürliches Recht pochen, kommt man bald zu der Überzeugung, dass sie offernbar einfach völlig unfähig sind, über die engen Grenzen ihres eigenen Systems „Wirtschaft“ und seine engen Grenzen hinauszudenken: Die Regeln dieses Systems werden unreflektiert als universell gültig hingenommen. Wenn man annehmen würde, das sei so, müsste man fürchterlich erschrecken: Unsere Wirtschaft, immerhin ein sehr wichtiger Teilbereich menschlichen Lebens, würde geführt von Menschen, die nur in ihrem engen Kästchen denken können! Aber zum Glück ist es ja nicht so, oder?

Zum Jagen geschleift

Seit Jahren schon irritiert mich der Werbespot der Deutschen Bank: Ein junger, cowboyartiger Mann schwingt das Lasso, wirft die Schlinge und fängt eine große Ziffernskulptur, die „4,5%“ (oder irgend eine ähnliche Zahl) verkörpert. Nachdem er diesen günstigen Zinssatz eingefangen hat, scheint der Cowboy plötzlich von Zweifeln erfasst zu werden. Denn er tut Widersprüchliches: Während er sich mit den Händen am Lassoseil zu der Ziffernskulptur hinzieht, stemmt er sich mit den Haken so gegen diese Bewegung, dass seine Füße zwei tiefe Kerben in den glänzenden Fußboden graben. Eine seltsame Inszenierung: immerhin haben wir es mit einem Film zu tun, der unter dem Genre „Werbespot“ läuft. Erstens ist seltsam, dass des Zinsangebot der Bank ganz offenkundig nicht zum Kunden hinkommt, sondern dass der Kunde es unter Aufbietung großer Geschicklichkeit (wer kann schon Lassowerfen?) und aller Kraft sich zu ihm hinarbeiten muss. Die Bank kommuniziert damit, dass die Ehre, ihr Kunde zu sein, hart erarbeitet sein muss. Aber der Kunde – der Cowboy – ist sich nicht sicher, ob er diese Ehre wirklich haben will: zumindest seine Beine sträuben sich vehement gegen diese Bankbeziehung. Als nicht nur, dass man sich das Bankangebot hart erarbeiten muss: es ist auch noch höchst zweifelhaft, ob der Lohn dieser Arbeit überhaupt wünschenswert ist.
Für einen Werbespot eine erstaunliche Aussage! Aber also sozialpsychologische Darstellung des ambivalenten Verhältnisses von Menschen zu Banken eine nette bildliche Parabel. Und da die Deutsche Bank diesen Spot auch schon lange vor der selbstgeschaffenen Krise der Banken geschaltet hat, muss man sagen: Hut ab vor so viel Weitblick. Und Hut ab vor dem großen Mut der Deutschen Bank, die teure Werbe-Sendezeit dafür opfert, Menschen darüber aufzuklären, ein wie zweischneidiges Schwert eine Bankenbeziehung ist